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aus: Highlights - Infomagazin der Uni Bremen, Jan. 2003

Arbeitssucht - die neue Volkskrankheit

Uni-Wissenschaftler forschen zu einem individuellen Problem, das ein gesellschaftliches Thema ist

„Heute habe ich wieder bis zum Umfallen gearbeitet!" Dieser Satz ist immer öfter zu hören. Stress, Verspannungen, Erschöpfung, Depressionen und Störungen im Sozialverhalten nehmen in unserer Gesellschaft als Folge von Arbeit zu. Für viele Menschen hat sich die Form der Arbeit in den vergangenen Jahren verändert. Eine flexiblere Arbeitseinteilung, stärkere Eigenverantwortung und neue Freiheiten bei den Arbeitszeiten sind für viele Arbeitnehmer einerseits ein Segen. Aber diese Möglichkeiten können auch zum Fluch werden: Die Erwartungen an das erfolgreiche Arbeiten der Beschäftigten steigen. Als Preis für mehr Freiheit bei der Arbeit wird ein erstklassiges Ergebnis verlangt. Unter diesem Druck arbeiten viele Menschen mehr, als ihnen gut tut. Sie beuten sich selber aus, indem sie etwa bis tief in die Nacht oder am Wochenende tätig sind. Schließlich wird die Arbeit zur Sucht - mit allen Folgen, die von „klassischen" Süchten bekannt sind. Der Wirtschaftswissenschaftler Professor Holger Heide vom Institut für sozialökonomische Handlungsforschung (SEARI) der Universität Bremen ist überzeugt, dass es sich bei der Arbeitssucht um eine neue, sich ausbreitende Volkskrankheit handelt. In Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bereichen und verschiedenen Ländern forscht er seit rund zehn Jahren an diesem Massenphänomen.

In Japan gehört die Arbeit bis zum Umfallen zum Alltag. Rund 20.000 Menschen schuften sich dort jedes Jahr zu Tode. „Karoshi" heißt der Tod durch Arbeit, dem sich viele Menschen schon vorher durch Selbstmord entziehen. „Das dem Anschein nach noch auf dieses Land begrenzte Phänomen des Karoshi könnte als japanischer Exportschlager schon bald auch in Deutschland zum Problem werden", sagt Heides Kollege Roderich Wahsner, Arbeits- und Sozialrechtler an der Bremer Uni. Bislang waren es hier zu Lande eher Manager, Selbständige oder Politiker, die als gefährdet galten. Ihr ständiger, unermüdlicher Einsatz war die Voraussetzung für Ansehen und Erfolg. Doch in der jüngeren Vergangenheit hat der Wandel vom Acht-Stunden-Tag zur ergebnisorientierten Projektarbeit dazu geführt, dass sich der Kreis der Gefährdeten deutlich vergrößert hat. „Mehr Selbstbestimmung kann zu einer gesteigerten Identifikation mit der Arbeit führen", sagt Holger Heide. Zusammen mit der hohen Anerkennung von Arbeit in unserer „Arbeitsgesellschaft" und dem oft auch wirtschaftlich begründeten Druck, ein gutes Ergebnis vorlegen zu müssen, bietet sich Arbeit zunehmend als Suchtmittel an. Man bringt Leistung und erfüllt Erwartungen, um Anerkennung zu bekommen und den Arbeitsplatz zu sichern; gleichzeitig können individuelle Probleme und Gefühle mit Arbeitsstress „gedeckelt" oder verdrängt werden. Was anfangs gut zu funktionieren scheint, kann in die Katastrophe führen: „Mit Arbeitssucht kann sich ein Mensch ebenso ruinieren wie mit Alkohol oder Drogen", sagt Heide.

Zusammen mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verfolgt er in seinen Forschungen einen integrativen Ansatz. „Arbeitssucht ist nicht neu. So beschäftigt sich die Psychologie schon länger damit. Aber Arbeitssucht ist nicht aus dem engen Blickwinkel einer einzelnen Disziplin erfassbar. Sie wird aus vielen Quellen gespeist und hat neben den psychologischen auch historische, politische, ökonomische und soziale Hintergründe. Außer der Psychologie hat sich aber noch kein anderes Fachgebiet intensiv mit diesem Syndrom beschäftigt." Um ein tieferes Verständnis für die Voraussetzungen, die Entstehung und den Verlauf von Arbeitssucht zu schaffen, bringen die Bremer Wissenschaftler Erkenntnisse aus der Arbeitssoziologie und der Suchtforschung zusammen. „Wir wollen süchtiges Handeln und die Strukturen von Arbeitssucht aufdecken und Bedingungen für Auswege zur Diskussion stellen", erläutert Heide. Diese fachübergreifende Verknüpfung der Forschungsergebnisse aus verschiedenen Bereichen ist neu.

Vom einzelnen Betroffenen her betrachtet liegen die tieferen Ursachen für die „Suchtprädisposition" oft in der Kindheit. „Durch eigene Verdrängungen gehemmte Eltern sind durch die Hemmungslosigkeit, mit der ein Kind seine Bedürfnisse äußert, oft überfordert", sagt Heide. „Das Kind braucht jedoch bedingungslose Liebe. Wenn es die nicht bekommt, lernt es über die existenzielle Angst - noch bevor es sprechen kann - das Prinzip .Leistung für Anerkennung und Aufmerksamkeit'". Das sei eine Überlebensstrategie, die zu einem Muster werden könne, das sich in der Sozialisation eines Menschen tausendfach wiederhole. Solchermaßen sozialisierte Menschen geben diese Einstellung später oft an ihre eigenen Kinder weiter. Dies führe zu einer fortschreitenden Verschärfung. Ein nicht mehr zu übersehendes Indiz: „Bei Kindern der heutigen Generation wird immer häufiger das so genannte Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom festgestellt", sagt Heide. „Sie stehen unter ständigem inneren Stress und können sich nicht mehr konzentrieren." In den USA würden heute bereits zehn Prozent aller Kinder mit Psychopharmaka ruhig gestellt. Das sei bereits Ausdruck einer „Suchtprädisposition": „Man wird auf Drogenmissbrauch vorbereitet - wenn ich etwas nehme, geht es mir besser." Und wenn Alkohol, Medikamente oder Drogen genommen würden, um negative Gefühle oder Spannungen „wegzumachen", biete sich nun zusätzlich die Arbeit an - ein „aktives Suchtmittel", das sich höchster gesellschaftlicher Anerkennung erfreue.

Um die ganze Tragweite der Arbeitssucht zu erfassen, ist laut Heide die Einbeziehung der historischen Dimension unausweichlich. „Wir sind auf zahlreiche Fakten gestoßen, die belegen, dass das .Krankheitsbild Arbeitssucht' von Generation zu Generation weitergegeben wird." Die Wurzeln reichen bis in die Anfänge der Industriegesellschaft zurück. Der damalige „Wandel" sei ein gewaltsamer, ja blutiger Umwälzungsprozess im Denken und Fühlen der Menschen gewesen. „Große Menschenmassen wurden über einen langen Zeitraum mit Gewalt und Druck zum disziplinierten Arbeiten in den entstehenden Manufakturen und Fabriken gezwungen. Das kollektive Trauma hat bis heute seine Spuren hinterlassen. Die Angst wirkt weiter." Psychotrauma-Forschungen aus Israel, den USA und Deutschland bestätigen diese Annahme: „Selbst Urenkel von Holocaust-Überlebenden tragen noch die psychischen Wunden ihrer Vorfahren mit sich herum", sagt Heide. Dasselbe gelte für die Nachkommen von Frontkämpfern des Zweiten Weltkriegs und Vietnamveteranen in den USA.

Arbeitssoziologische Untersuchungen über neue Formen der Arbeit zeigen schließlich, dass erst in den vergangenen Jahren die Voraussetzungen für massenhafte Ausbreitung der Arbeitssucht geschaffen worden sind. Die latent schlummernde „Suchtprädisposition" vieler Menschen lässt sie nicht zur Flasche oder zum Joint greifen, sondern zur Arbeit. Es musste jedoch erst mehr Flexibilisierung, Selbständigkeit und Eigenverantwortung in die Arbeitswelt einziehen, um Arbeit als Suchtmittel für breitere Schichten „brauchbar" zu machen. Diese Freiheiten begünstigen Arbeitssüchtige, und 16 oder 18 Stunden Arbeit sind unter Umständen keine Seltenheit mehr. Obwohl die Firmen meist froh über diesen Einsatz sind, ihn fördern und so selbst zu „Dealern" der Droge Arbeit werden, rechnet sich dieser letztlich nicht. Heide: „Die anfangs sichtbare Phase von .konstruktiver' Arbeitssucht ist fast immer nur von begrenzter Dauer. Irgendwann wirkt die Krankheit zunehmend destruktiv: Termine werden nicht eingehalten, Fehlentscheidungen getroffen, körperliche Beschwerden nehmen zu und führen zu krankheitsbedingten Ausfällen, auch zu chronischen Leiden und Frühinvalidität."

Highlights - Infomagazin der Uni Bremen, Jan. 2003

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