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aus: Das Parlament  Nr. 13 vom 20.3.1992

35-Stunden-Woche.
Bereits in der Antike ein alter Hut

Von Wolfgang Altendorf

Wenn heute von der 35-Stunden-Woche die Rede ist, erscheint das jenen Kreisen, die dadurch Wohlstand und Produktionskapazität gefährdet sehen, als ungeheuerliche, bisher nie dagewesene und die Wirtschaft gefährdende Ausdehnung von Freizeit. Dabei arbeiteten schon vor 2000 Jahren das damals fortschrittlichste und zu jener Zeit die bekannte Welt beherrschende Volk, die Römer, weitaus weniger als es in unserer Gesellschaft der Fall ist. Die berühmte oder berüchtigte 35-Stunden-Woche, um die sich die Gewerkschaften seit Jahren redlich bemühen, war den Römern „ein alter Hut“.

Es gab im alten Rom um die Zeitenwende wirksame, streng geregelte Arbeitnehmervergünstigungen, die  allerdings über die Innungen gegeben und angeordnet wurden, das heißt von Arbeitgeberseite aus. Sie erwiesen sich jedoch als derart positiv, dass die wesentlich gekürzten Arbeitszeiten einheitlich galten und nur in Ausnahmefällen überschritten und unterschritten werden durften. Auch was die Ladenschlusszeiten anlangte, blieb auch hier die strikte Regelung human.

Zwar öffnete man sehr früh, doch schlossen die römischen Händler ebenfalls früh, weit vor Sonnenuntergang ihre Läden. Ausnahmen bildeten die Gastwirte, die Friseure und eigentümlicherweise auch die Antiquitätenhändler, die es auch damals schon gab. Alle drei nämlich waren auf die „Freizeitbürger“ angewiesen, die nach Arbeitsschluss bei ihnen einkauften oder sich bedienen lassen wollten.

Die „römische Stunde“

Die römische Stunde umfasste knapp 45 Minuten im Winter und rund 75 Minuten im Sommer, diese Unterschiedlichkeit hing mit der Sonnenscheindauer zusammen. Die Zeit wurde ebenso mit Sonnenuhren, wie mit danach justierten Sand- oder Wasseruhren gemessen. Die Wasseruhren gaben sogar den Ablauf einer Stunde mechanisch mittels Pfeifton oder einer Wasserfontäne bekannt. Mit wenigen Ausnahmen hatte der römische Arbeiter, selbst der Sklave, sechs heutiger 60-Minuten-Stunden im Winter und sieben im Sommer zu arbeiten. Man begann möglichst früh mit der Arbeit, um möglichst früh „Feierabend“ zu haben, speziell um die öffentlichen Bäder aufzusuchen, in die der Freie ebenso wie der Unfreie ungehinderten Zugang hatten. Die römische Badekultur erreichte um die Zeitenwende nicht nur ihren Höhepunkt, sondern auch ihre optimale populäre Breitenwirkung.

In der Tat verfügte der Römer, gleichgültig welchen Standes, über sehr viel Freizeit, in der Regel nämlich 17 oder 18 Stunden pro Tag. Da es zusätzlich eine schier unglaubliche Anzahl Festtage in Rom gab, lag die durchschnittliche Arbeitszeit in der Woche deutlich unter 30 Stunden, also weit unter dem, was heute in den Industriestaaten gearbeitet und als nicht zu unterschreitendes Mindestmaß angenommen wird. Dennoch gab es auch unter den Römern einige „Arbeitstiere“, die fast ausschließlich in den freien Berufen, bei Gelehrten oder in der Politik zu finden waren. So mochte sich Plinius der Ältere kaum in seiner Schreib- und Gedankenarbeit einschränken. Offenbar benötigte er nur wenig Schlaf: er soll 20 Stunden am Tage gearbeitet haben, nur hin und wieder unterbrochen durch ein Bad oder durch eine kurze Ruhepause.

200 Tage im Jahr waren arbeitsfrei

Die Freizeit wurde vorwiegend durch den Besuch der Bäder und mit der Teilnahme an den vielen spektakulären Veranstaltungen, etwa den Zirkusspielen, den Wagenrennen, den Wasserkampfspielen ausgefüllt. Wie Forschungen ergaben, feierte man zu keiner Zeit soviel wie in Rom vor 2000 Jahren: fast 200 Tage pro Jahr; sie waren arbeitsfrei und dienten dem Vergnügen. Wenn sich auch nicht alle Römer strikt daran hielten und eine erkleckliche Anzahl gerade in der Ausgestaltung dieser freien Feiertage beschäftigt waren, so entfielen doch im Durchschnitt auf jede Woche wenigstens zwei Tage, an denen die Arbeit für den Normalbürger ruhte.

Wie sehr man dem Vergnügen nachging und auch praktisch nachgehen konnte, zeigt der berühmte Circus Maximus, in dem die spektakulären Wagenrennen mit den entsprechenden Wetten stattfanden. Dieser konnte fast 300.000 Besucher aufnehmen, das „Colosseum“, das größte Amphitheater in Rom, mit seinen blutigen Menschen- und Tierabschlachtungen, rund 50.000, und dazu gab es noch eine große Anzahl von Theatern, in denen szenische Aufführungen stattfanden, und die bis zu 7.000 Besucher Platz boten.

Trotz dieser „Freizeitmöglichkeiten“ gedieh die römische Wirtschaft gerade in dieser Epoche kurz vor und nach dem Jahre 0. Das „Bruttosozialprodukt“ lag respektabel hoch. Immer wieder überraschend und willkürlich wurden Feiertage eingeschoben, an denen man Volksbelustigungen veranstaltete, die vom Kaiser oder den Senatoren gesponsert wurden. Gladiatorenkämpfe, Theateraufführungen, Dichterlesungen lockten das römische Publikum. Allerdings nahm dies bald derartige Auswüchse an, dass im 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung „kein römisches Jahr verging, in dem nicht auf einen Arbeitstag ein oder zwei Feiertage kamen".

Das Parlament  Nr. 13 vom 20.3.1992

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