über otium

 

"... doch wer schuftet ist ein Schuft! "  (Erich Kästner)

otium, ein Wort aus dem Lateinischen bedeutet Muße oder auch Müßiggang. 
Wir können heute nur noch in den tiefsten Erinnerungsschichten erahnen, was Muße, was Müßiggang vielleicht einmal gewesen ist. Die beiden Begriffe haben einen enormen Wertewandel durchlaufen. Sicher seit Luther, also seit dem 16. Jh., werden die Tugenden der Muße und des Müßiggangs systematisch zu menschlichen (und das heißt teuflischen) Lastern umgemünzt. Im selben Maße, wie die eine Waagschale sich zu ungunsten der Muße hob, senkte sich die andere zugunsten der Arbeit. 

Seitdem etwa heißt es, dass der Müßiggang aller Laster Anfang sei. Laster im calvinistisch-protestantischen Kontext sind Freude, Exzess, Faulheit, Spiel, Feiern und vieles mehr, was dem gottgefälligen Leben, sprich der Produktivität, angeblich abträglich ist. Diese "Laster", die sich jenseits der Arbeitsmoral und des Effizienzdenkens befinden, im Reich der spielerischen Möglichkeiten, des heiteren Sich-Verschwendens, des freudigen Experimentierens oder des leidenschaftlichen Unterlassens also, sind jedoch immer noch starke Antriebskräfte in uns.

Muße und Müßiggang sind genauso schwer bestimmbar, wie der Begriff der Arbeit, sollten unserer Meinung nach aber wieder als der Ausgangspunkt menschlichen Seins benannt werden. Fast hat man vergessen, was das Ziel allen menschlichen Trachtens war, wenn technische Erfindungen das Leben eigentlich erleichtern, das heißt, von der Bürde der Arbeit befreien sollten. Selbst beim oft missverstandenen Marx bedeutet Arbeit ja Mittel zum Zweck ihrer Überwindung und nicht etwa Selbstzweck, geschweige denn menschliche Bestimmung.

"Für den Menschen unserer Gesellschaft erfordert Muße ... einen ganz entscheidenden Verzicht, den Verzicht auf die eigene Totalvermarktung. Das Kultivieren von Muße im Sinne eines Gegenprojekts zur alles umfassenden Entfremdung beginnt mit dem Schaffen unverzweckter - 'nutzloser' - Freiräume, also von Lebensbereichen, die nicht verpfändet werden für (die Hoffnung auf) späteres Leben, die für sich selbst stehen und ihren Wert aus sich selbst schöpfen. Damit ist auch klargestellt, dass es sich bei der Muße weder um eine besonders raffinierte Form des Hervorlockens schöpferischer Reserven und Arbeitsprozesse handelt, noch um Erholung oder Entspannung im Sinne einer Reproduktion von Arbeitskraft. Der Begriff Muße steht für unvernutztes Leben, unmittelbares Dasein und die nicht entfremdete Existenz (...).
Der Müßiggänger ist damit keinesfalls das, als was er mit dem bekannten Spruch: 'Müßiggang ist aller Laster Anfang' phantasiert wird, nämlich einer, der bloß faul ist und nichts tut, sondern er ist einer, der bewusst und im 'hier und jetzt' lebt und seine Existenz unter keinem anderen Aspekt als den des Da-seins stellt. Das heißt, Müßiggang ist nicht das Gegenteil von Arbeit, sondern Müßiggang ist etwas, was aus der Arbeitswelt herausfällt, was weder in die (heutige Form von) Arbeit noch in die ihr korrespondierende Freizeit einzuordnen ist, er ist ein Zustand, der die Werte der heutigen Arbeits-Freizeit-Gesellschaft für sich nicht mehr anerkennt..." 
aus: Erich Ribolits, Die Arbeit hoch? 1995

otium gefällt uns auch deshalb so gut, weil der Begriff selbst positiver Ausgangspunkt menschlichen Daseins ist und seine Negation, nämlich neg-otium, erst Arbeit und Tätigkeit meint. (Heute steht die Arbeit positiv dar und alles andere geht von ihr aus: Arbeit vs. Freizeit, Arbeit vs. Muße etc.) Unser Ansatz, die Sinne wieder mehr für die Möglichkeiten der Muße und des Müßiggangs zu schärfen und beide wieder mehr zu ihren Rechten zu verhelfen, besteht darin, Texte und Gedichte- moderne, alte, zeitgenössische- aufzustöbern, und diese auf dieser Web-Site bekannt zu machen. Natürlich geben Texte, in denen die Arbeit geadelt wird in ihrer Verherrlichung der Arbeit auch Aufschluss über die dahinter stehende Moral, wenn beispielsweise deutlich wird, wie lächerlich und skurril die Arbeitswelt oft bewertet wird. 

Wenn Sie Texte kennen die hier nicht aufgeführt sind oder selber welche schreiben, freuen wir uns über die Zusendung. Falls Sie eine Veranstaltung durchführen oder davon erfahren, teilen Sie dies bitte mit, wir kündigen sie gerne an! Unsere E-Mail-Adresse finden Sie unter Kontakt.

Ganz herzlich möchten wir uns bei denen bedanken, die uns ihre oder gefundene Texte zugesandt haben.

Die Seite wird ständig aktualisiert, schauen Sie mal wieder vorbei!
Für Vorschläge, Kritik, Anregungen .... sind wir offen. 
Bitte nutzen Sie auch unser Gästebuch!

Viel Spaß beim Lesen! 

otium-bremen.de
 - Initiative zur Rehabilitierung von Muße & Müßiggang.


www.otium-bremen.de