Max Weber

1864 - 1920

 

 

Sondern vor allem ist das "summum bonum" dieser "Ethik": der Erwerb von Geld und immer mehr Geld, unter strengster Vermeidung alles unbefangenen Genießens, so gänzlich aller eudämonistischen oder gar hedonistischen Gesichtspunkte  entkleidet, so rein als Selbstzweck gedacht, dass es als etwas gegenüber dem "Glück" oder dem "Nutzen" des einzelnen Individuums jedenfalls gänzlich Transzendentes und schlechthin Irrationales erscheint. Der Mensch ist auf das Erwerben als Zweck seines Lebens, nicht mehr das Erwerben auf den Menschen als Mittel zum Zweck der Befriedigung seiner materiellen Lebensbedürfnisse bezogen.
[...]
Und da mit Steigerung der Erträge und der Betriebsintensität das Interesse des Unternehmers an Beschleunigung der Ernte im allgemeinen immer größer zu werden pflegt, so hat man natürlich immer wieder versucht, durch Erhöhung der Akkordsätze die Arbeiter, denen so sich Gelegenheit bot, innerhalb einer kurzen Zeitspanne einen für sie außergewöhnlichen Verdienst zu machen, an der Steigerung ihrer Arbeitsleistung zu interessieren. Allein hier zeigten sich nun eigentümliche Schwierigkeiten: Die Heraufsetzung der Akkordsätze bewirkte auffallend oft nicht etwa, dass mehr, sondern das weniger an Arbeitsleistung in der gleichen Zeitspanne erzielt wurde, weil die Arbeiter die Akkordleistung nicht mit Herauf-, sondern mit Herabsetzung der Tagesleistung beantworteten. [...] Der Mehrverdienst reizte ihn weniger als die Minderarbeit; er fragte nicht: wie viel kann ich pro Tag verdienen, wenn ich das mögliche Maximum an Arbeit leiste, sondern: wie viel muss ich arbeiten, um denjenigen Betrag zu verdienen, den ich bisher einnahm und der meine traditionellen Bedürfnisse deckt? Dies ist nun das jenige Verhalten, welches - im Abschluss an den üblichen Sprachgebrauch - als "Traditionalismus" bezeichnet werden soll: der Mensch will "von Natur" nicht Geld und mehr Geld verdienen, sondern einfach leben, so leben wie er zu leben gewohnt ist und soviel erwerben, wie dazu erforderlich ist. Überall, wo der Kapitalismus sein Werk der Steigerung der "Produktivität" der menschlichen Arbeit durch Steigerung der Intensität begann, stieß er auf den unendlich zähen Widerstand dieses Leitmotivs präkapitalistischer wirtschaftlicher Arbeit, und er stößt noch heute überall um so mehr darauf, je "rückständiger" (vom kapitalistischen Standpunkt aus) die Arbeiterschaft ist, auf die er sich angewiesen sieht.
[...]
Solche vom "kapitalistische Geist" erfüllte Naturen pflegen heute wenn nicht gerade kirchenfeindlich, so doch indifferent zu sein. Der Gedanke an die "fromme Langeweile" des Paradieses hat für ihre tatenfrohe Natur wenig verlockendes, die Religion erscheint ihnen als ein Mittel, die Menschen vom Arbeiten auf dem Boden dieser Erde abzuziehen. Würde man sie selbst nach dem Sinn ihres rastlosen Jagens fragen, welches des eigenen Besitzes niemals froh wird, und deshalb gerade bei rein diesseitiger Orientierung des Lebens so sinnlos erscheinen muss, so würden sie, falls sie überhaupt eine Antwort wissen, zuweilen antworten: "die Sorge für Kinder und Enkel", häufiger aber und - da jenes Motiv ja offenbar kein ihnen eigentümliches ist, sondern bei dem "traditionalistischen Menschen" ganz ebenso wirkte; - richtiger ganz einfach: dass ihnen das Geschäft mit seiner steten Arbeit "zum Leben unentbehrlich" geworden sei. Das ist in der Tat die einzig zutreffende Motivierung und sie bringt zugleich das Irrationale dieser Lebensführung, bei welcher der Mensch für sein Geschäft da ist, nicht umgekehrt, zum Ausdruck.
[...]
Das aber ist es eben, was dem präkapitalistischen Menschen so unfasslich und rätselhaft, so schmutzig und verächtlich erscheint. Dass jemand zum Zweck seiner Lebensarbeit ausschließlich den Gedanken machen könne, dereinst mit hohem materiellen Gewicht an Geld und Gut belastet ins Grab zu sinken, scheint ihm nur als Produkt perverser Triebe: der "auri sacra fames" erklärlich.

aus: Die protestantische Ethik und der "Geist" des Kapitalismus (1920)

 


www.otium-bremen.de