Mark Twain

1835 - 1910

 

 

Wenn Arbeit was tolles wäre, würden die Reichen sie für sich behalten

 

Nachdem wir das Ziel aus den Augen verloren hatten, verdoppelten wir unsere Anstrengungen.

 

Verschiebe nicht auf morgen, was auch bis übermorgen Zeit hat.

 

Wir sollten Adam dankbar sein dafür, dass er uns den Segen des Müßiggang genommen und uns dafür den Fluch der Arbeit gewonnen hat.

 

Je mehr Vergnügen du an deiner Arbeit hast, desto besser wird sie bezahlt.

 

... Samstag morgen war gekommen, und es war ein heller, frischer Sommermorgen und sprühend von Leben. Jedes Herz war voll Gesang, und wessen Herz jung war, der hatte ein Lied auf den Lippen. Freude glänzte auf allen Gesichtern, und die Lust, zu springen, zuckte in aller Füße. Die Akazien blühten, und ihr süßer Duft erfüllte die Luft.

Cardiff Hill, in der Nähe des Hauses und dasselbe überragend, war von Grün bedeckt und war gerade entfernt genug, um wie das gelobte Land, träumerisch, ruhevoll und unberührt zu erscheinen.

Tom erscheint auf der Bildfläche mit einem Eimer voll Farbe und einem großen Pinsel. Er überblickte die Umzäunung - und aller Glanz schwand aus der Natur, und tiefe Schwermut bemächtigte sich seines Geistes. Dreißig Yards lang und neun Fuß hoch war der unglückliche Zaun! Das Leben erschien ihm traurig. Er empfand sein kleines Dasein als Last. Seufzend tauchte er den Pinsel in den Topf und strich einmal über die oberste Planke, wiederholte die Operation, und nochmals, und verglich das kleine gestrichene Stückchen mit der unendlichen noch zu erledigenden Strecke - und hockte sich entmutigt auf einen Baumstumpf. Jim kam mit einem Zinneimer aus der Tür, "Buffalo Gals" singend. Wasser von der Pumpe zu holen, war Tom bisher immer als eine der unwürdigsten Verrichtungen erschienen, jetzt schien es ihm anders. Er sagte sich, dass er dort Gesellschaft finden werde; Weiße, Mulatten und Neger, Knaben und Mädchen traf man immer dort, die, bis sie an die Reihe zu pumpen kamen, herumlungerten, irgend ein Spiel trieben, sich zankten, prügelten und Wetten anstellten. Und dann überlegte er, dass die Pumpe zwar nur einhundertundfünfzig Yards entfernt sei, Jim trotzdem aber nie unter einer Stunde brauchte, um einen Eimer Wasser zu holen, und dann noch gewöhnlich geholt werden musste. Er sagte also: "Du, Jim,. ich will Wasser holen, wenn du inzwischen anstreichen willst."

Jim schüttelte den Kopf und antwortete: "Es geht nicht, Master Tom. Alte Dame sagen mir zu gehen und holen Wasser und nix aufhalten mit irgendwem. Sie sagen, sie wissen, das Master Tom werden versuchen zu gewinnen mich zu streichen, und so sie sagen, Jim zu gehen nach sein eigenes Geschäft und nix zu streichen."

"Ach was, Jim, lass sie nur reden! So macht sie's immer. Gib mir nur den Eimer - du sollst sehen, ich bin gleich wieder da! Sie braucht's ja nicht zu wissen."

"Nein, Master Tom, ich nix tun! Alte Dame wollen ihm Kopf abreißen, wenn er tut so. Sicher, Master Tom!"

"Sie? Sie kann ja gar nicht schlagen - sie fährt einem mit dem Fingerhut über den Kopf, und wer macht sich 'daraus' was? Ihre Worte sind gefährlich, hm - ja, aber 'sagen', ist doch nicht 'tun', wenn sie nur nicht so viel dabei weinen wollte. - Du, Jim, ich geb' dir auch 'ne Murmel! Oder 'ne Glaskugel!"

Jim begann zu schwanken.

"Eine weiße Glaskugel, Jim - und horch mal, was für 'nen schönen Klang hat sie!"

"Ach, sein das schöne, wunderschöne Glaskugel! Aber Master Tom, ich haben so furchtbar Angst vor alte Dame!"

Aber Jim war auch nur ein Mensch - diese Verführungskünste waren zu stark für ihn. Er setzte seinen Eimer hin und griff nach der Kugel. Im nächsten Augenblick sauste er die Straße hinunter mit seinem Eimer und einem Schreckenschrei, - Tom arbeitete mit Vehemenz, und Tante Polly, einen Pantoffel in der Hand und Triumph im Auge, kehrte vom Felde zurück.

Aber Toms Energie hielt nicht lange an. Er begann, an all die Streiche zu denken, die er für heute geplant hatte, und sein Kummer wurde immer größer. Bald würden seine Spielgefährten, frei und sorgenlos, vorbeikommen, um auf alle möglichen Expeditionen auszugehen und die würden ihre Witze reißen über ihn, der dastand und arbeiten musste - der bloße Gedanke daran brannte wie Feuer: Er kramte seine weltlichen Schätze aus und hielt Heerschau: allerhand selbst erfundenes Spielzeug, Murmeln und Plunder - genug, um sich einen Arbeitstausch zu erkaufen, aber 'nicht' genug, um dadurch auch nur für eine halbe Stunde seine Freiheit zu bekommen. So steckte er seine armselige Habe wieder in die Tasche und gab den Gedanken auf, einen Bestechungsversuch bei den Jungen zu machen. Mitten in diese trüben und hoffnungslosen Betrachtungen kam plötzlich ein Einfall über ihn. Durchaus kein großer, glänzender Einfall. Er nahm seinen Pinsel wieder auf und setzte ruhig die Arbeit fort. Ben Rogers erschien in Sicht, der Junge aller Jungen, der sich über alle lustig machen durfte. Bens Gang war springend, tanzend, hüpfend - Beweis genug, dass sein Herz leicht und seine Gedanken und Pläne großartig waren. Er knupperte an einem Apfel und ließ ein langes, melodiöses ho! ho! hören, gefolgt von einem gegrunzten: ding, dong, ding! ding! ding, dong, dong! - denn er war in diesem Augenblick ein Dampfboot. Als er näher kam, mäßigte er seine Geschwindigkeit, nahm die Mitte der Straße, bog nach Steuerbord über und legte elegant und mit vielem Geschrei und Umstand bei, denn er vertrat hier die Stelle des "Big Missouri" und hatte neun Fuß Tiefgang. Er war Dampfboot, Kapitän, Bemannung zugleich und sah sich selbst auf der Kommandobrücke stehend, Befehle gebend und ihre Ausführung überwachend.

"Stopp!! Ling - a, ling, ling!!" Die Hauptroute war zu Ende, und er wandte sich langsam einem Nebenarme des Flusses zu. "Stopp! Zurück!! Ling - a, ling, ling!" Seine Arme sanken ermüdet herunter. "Steuerbord wenden! Ling - a, ling, ling! Tschschuh! Tschuh, Tschuuuhhh!!!" Sein Arm beschrieb jetzt große Kreise, denn er stellte ein Rad von 40 Fuß Durchmesser dar. "Backbord zurück! Ling - a, ling, ling! Tschuh! Tschuuuhhh!!" Wieder schrieb der Arm - diesmal der linke - gewaltige Kreise. "Steuerbord stopp!! Ling - a, ling, ling! Backbord stopp! Halt! Langsam überholen! Ling - a, ling, ling! Tschuh! Tschuh! Tschuuuhhh!! Heraus mit dem Tau dort! Lustig, hoho! Heraus damit! He - wird's bald?! Ein Tau dort um den Pfeiler - so, nun los, Jungens - los!! Maschine stopp!! Ling - a, ling, ling!!"

"Tschschuh! Schscht! Schscht!!" (Lässt Dampf ausströmen.)

Tom war ganz vertieft in seine Anstreicherei, er merkte nichts von der Ankunft des Dampfbootes! Ben blieb einen Moment stehen, dann sagte er: "Ho, ho, Strafarbeit, Tom, he?"

Keine Antwort. Tom überschaute seine Arbeit mit dem Auge eines Künstlers. Dann machte er mit dem Pinsel noch einen eleganten Strich und übte wieder Kritik. Ben rannte zu ihm hin. Tom wässerte den Mund nach dem Apfel, aber er stellte sich ganz vertieft in seine Arbeit. Ben sagte: "Hallo, alter Bursche, Strafarbeit, was?"

"Ach, bist du's, Ben. Ich hatte dich nicht bemerkt."

"Weißt, ich geh' grad zum Schwimmen. Würdest du gern mitgehen können? Aber natürlich, bleibst du lieber bei deiner Arbeit, nicht?"

Tom schaute den Burschen erstaunt an und sagte: "Was nennst du 'Arbeit'?"

"Na, ist das denn 'keine' Arbeit?"

Tom betrachtete seine Malerei und sagte nachlässig: "Na, vielleicht 'ist' das Arbeit, oder es ist 'keine' Arbeit, jedenfalls macht es Tom Sawyer Spaß."

"Na, na, du willst doch nicht wirklich sagen, dass dir das da Spaß macht?!"

Der Pinsel strich und strich.

"Spaß? Warum soll's denn 'kein' Spaß sein? Kannst 'du' vielleicht jeden Tag einen Zaun anstreichen?"

Ben erschien die Sache plötzlich in anderem Licht. Er hörte auf, an seinem Apfel zu knuppern. Tom fuhr mit seinem Pinsel bedächtig hin und her, hin und her, hielt an, um sich von der Wirkung zu überzeugen, half hier und da ein bisschen nach, prüfte wieder, während Ben immer aufmerksamer wurde, immer interessierter. Plötzlich sagte er: "Du, Tom, lass 'mich' ein bisschen streichen!"

Tom überlegte, war nahe daran, einzuwilligen, aber er besann sich: "Ne, ne. Ich würde es herzlich gerne tun, Ben. Aber - Tante Polly gibt so viel gerade auf diesen Zaun, gerade an der Straße - weißt du. Aber wenn es der 'schwarze' Zaun wäre, wär's 'mir' recht und 'ihr' wär's auch recht. Ja, sie gibt schrecklich viel auf diesen Zaun, deshalb muss ich das da 'sehr' sorgfältig machen! Ich glaube von tausend, was - zweitausend Jungen ist vielleicht nicht einer, der's ihr recht machen kann, wie sie's haben will."

"Na - wirklich? - Du - gib her, nur mal versuchen, nur ein klein - bisschen versuchen. Ich würde dich lassen, wenn's 'meine' Arbeit wäre, Tom."

"Ben, ich würd's wahr-haf-tig gern tun; aber Tante Polly - weißt du, Jim wollt's auch schon tun, aber sie ließ ihn nicht. Sid wollte es tun, aber sie ließ es ihn 'auch' nicht tun! Na, siehst du wohl, dass es nicht geht? Wenn 'du' den Zaun anstrichest und es 'passierte' was, Ben -"

"O, Unsinn! Ich will's 'so' vorsichtig machen! Nur mal versuchen! Wenn ich dir den Rest von meinem Apfel geb'?"

"Na, dann - ne, Ben, tu's nicht, ich hab' 'solche' Angst -!"

"Ich geb' dir den ganzen Apfel!"

Tom gab mit betrübter Miene den Pinsel ab - innerlich frohlockend. Und während der Dampfer "Big Missouri" in der Sonnenhitze arbeitete und schwitzte, saß der Künstler ausruhend, auf einem Baumstumpf im Schatten des Zaunes, schlug die Beine übereinander, verzehrte seinen Apfel und grübelte, wie er noch mehr Unschuldige zu seinem Ersatz anlocken könne. Opfer genug waren vorhanden. Jeden Augenblick schlenderten Knaben vorbei. Sie kamen, um ihn zu verhöhnen und blieben, um zu streichen. Nach einiger Zeit war Ben müde geworden, Tom hatte als Nächsten Billy Fisher ins Auge gefasst, der ihm eine tote Ratte und eine Schnur um die Ratte daran durch die Luft fliegen zu lassen, anbot; und von Johny Miller bekam er eine gut erhaltene Sackpfeife, und so immer weiter - stundenlang. Und als der Nachmittag halb vergangen war, war aus dem armen, verlassenen Tom vom Morgen ein buchstäblich in Reichtum schwimmender Tom geworden. Er besaß außer den angeführten Sachen zwölf Murmeln, ein Stück eines Brummeisens, ein Stück blau gefärbtes Glas zum Durchschauen, eine Spielkanone, ein Messer das gewiss nie jemand Schaden getan hatte oder jemals tun konnte, ein bisschen Kreide, ein Glasstöpfel, einen Zinnsoldaten, den Kopf eines Frosches, sechs Feuerschwärmer, ein Kaninchen mit einem Auge, einen messingen Türgriff, ein Hundehalsband (aber keinen Hund), den Griff eines Messers, vier Orangenschalen und einen kaputten Fensterrahmen. Er hatte einen sorglosen, bequemen, lustigen Tag gehabt, eine Menge Gesellschafter - und der Zaun hatte eine dreifache Lage Farbe bekommen! Wäre nicht der Zaun jetzt fertig gewesen - Tom hätte noch alle Jungens des Dorfes bankrott gemacht.

Tom dachte bei sich, die Welt wäre schließlich doch wohl nicht so buckelig. Er war, ohne es selbst recht zu wissen, hinter ein wichtiges Gesetzt menschlicher Tätigkeit gekommen, 'das' nämlich, dass, um jemand, groß oder klein, nach etwas lüstern zu machen. Wäre er ein großer und weiser Philosoph gewesen, gleich dem Verfasser dieses Buches, er würde jetzt begriffen haben, dass, was jemand tun 'muss', Arbeit, was man 'freiwillig' tut, dagegen Vergnügen heißt. Er würde ferner verstanden haben, dass künstliche Blumen machen oder in der Tretmühle ziehen, "Arbeit" ist, Kegelschieben aber, oder den Mont Blanc besteigen, "Vergnügen."

Es gibt reiche Engländer, die einen Viererzug zwanzig bis dreißig Meilen in einem Tage laufen lassen, weil dieser Spaß sie einen Haufen Geld kostet; würden sie aber dafür bezahlt werden, so würden sie es als "Arbeit" ansehen und darauf verzichten...

aus: Die Abenteuer von Tom Sawyer (1876)

 


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