Kurt Tucholsky

1890 - 1935

 

 

Man sollte gar nicht glauben, wie gut man auch ohne die Erfindungen des Jahres 2500 auskommen kann.

 

Das Heiligste, das der Deutsche hat, ist die Arbeit.

 

Du wolltest leben
und kamst nicht dazu.
Du willst leben
und vergisst es vor lauter Geschäftigkeit.
Du willst das spüren, was in dir ist,
und hast eifrig zu tun mit dem, was um dich ist -
verschüttet ist dein Lebensgefühl!

 

Deutschlands Schicksal: 
Vor dem Schalter zu stehen. 
Deutschlands Ideal: 
Hinter dem Schalter zu sitzen.

 

Und da ich grade von den preußischen Verwaltungsbeamten erzähle, kann ich nicht umhin, ihrer Ehrlichkeit, Gewissenhaftigkeit, Pünktlichkeit das wohlverdiente Lob zu spenden. Doch muss ich die Bitte hinzufügen, sie möchten sich bei der Ausübung ihrer Pflichten nicht allzu sehr gebärden, als befänden sie sich auf einer Sauhetze.

 

Für die Arbeit ist der Mensch auf der Welt, für die ernste Arbeit, die wo den ganzen Mann ausfüllt. Ob sie einen Sinn hat, ob sie schadet oder nützt, ob sie Vergnügen macht ('Arbeet soll Vajniejen machen, Ihnen piekt er wohl?') das ist alles ganz gleich. Es muss eine Arbeit sein. Und man muss morgens hingehen können. Sonst hat das Leben keinen Zweck.

Und stockt einmal der ganze Betrieb, streiken die Eisenbahner oder ist gar Feiertag: dann sitzen sie herum und wissen nicht recht, was sie mit sich anfangen sollen. Drin ist nichts in ihnen, und draußen ist auch nichts: also was soll es? Es soll wohl gar nichts ...

Und dann laufen sie umher wie Schüler, denen versehentlich eine Stunde ausgefallen ist - nach Hause gehen kann man nicht, und zum Spaßen ist man nicht aufgelegt ..... Sie dösen und warten. Auf den nächsten Arbeitstag. Daran, unter anderem, ist die deutsche Revolution gescheitert: sie hatten keine Zeit, Revolution zu machen, denn sie gingen ins Geschäft.

 

Eine der schauerlichsten Folgen der Arbeitslosigkeit ist wohl die, dass Arbeit als Gnade vergeben wird. Es ist wie im Krieg: wer die Butter hat, wird frech.

 

Der Berliner hat keine Zeit. Der Berliner ist meist aus Posen oder Breslau und hat keine Zeit. Er hat immer etwas vor, er telefoniert und verabredet sich, kommt abgehetzt zu einer Verabredung und etwas zu spät -- und hat sehr viel zu tun.
In dieser Stadt wird nicht gearbeitet --, hier wird geschuftet. (Auch das Vergnügen ist hier eine Arbeit, zu der man sich vorher in die Hände spuckt, und von dem man etwas haben will.) Der Berliner ist nicht fleißig, er ist immer aufgezogen. Er hat leider ganz vergessen, wozu wir eigentlich auf der Welt sind. Er würde auch noch im Himmel - vorausgesetzt, dass der Berliner in den Himmel kommt - um viere 'was vorhaben'.

 

Alles, was man regelmäßig und berufsmäßig tut, versteinert.

 

Wie schön aber müsste es sein, mit gesammelter Kraft und mit der ganzen Macht der Erfahrung zu studieren! Sich auf eine Denkaufgabe zu konzentrieren! Nicht von vorn anzufangen, sondern wirklich fortzufahren; eine Bahn zu befahren und nicht zwanzig; ein Ding zu tun und nicht dreiunddreißig. Niemand von uns scheint Zeit zu haben, und doch sollte man sie sich nehmen. Wenige haben dazu das Geld.
Und wir laufen nur so schnell, weil sie uns stoßen, und manche auch, weil sie Angst haben, still zu stehen, aus Furcht, sie könnten in der Rast zusammenklappen - -

 

Es gibt vielerlei Lärm. Aber es gibt nur eine Stille.

 


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