Henry David Thoreau

1817 - 1862

 

 

Wenn ein Mensch einmal einen halben Tag lang in den Wäldern spazieren geht, weil er sie liebt, dann besteht die Gefahr, dass er als Tagedieb angesehen wird; wenn er dagegen den ganzen Tag als Unternehmer zubringt und diese Wälder abhackt und die Erde vorzeitig kahl werden lässt, so wird er als fleißiger und unternehmungslustiger Bürger betrachtet.

 

Wer einen Beruf ergreift, ist verloren.

 

Ein breiter Rand von Muße ist im Leben eines Menschen ebenso schön wie in einem Buch.

 

Es genügt nicht, nur fleißig zu sein - das sind die Ameisen. Die Frage ist vielmehr: wofür sind wir fleißig?

 

Ich habe keine Zeit zu hetzen.

 

Die meisten Menschen sind, selbst in unserem verhältnismäßig freien Land, aus lauter Unwissenheit und Irrtum so sehr durch die unnatürliche, überflüssige, grobe Arbeit für das Leben in Anspruch genommen, dass seine edleren Früchte von ihnen nicht gepflückt werden können. Von der anstrengenden Arbeit sind ihre Finger zu plump geworden und zittern zu sehr. Der arbeitende Mensch hat heute nicht die Muße, Tag um Tag wahrhaft sinnvoll zu erfüllen; es gelingt ihm nicht, zum Nebenmann manneswürdige Beziehungen aufrechtzuerhalten; das könnte ja dem Marktwert seiner Arbeit Abbruch tun. Anders als eine Maschine zu sein, hat er keine Zeit.
[...]
Barbarische und heidnische Religion und Zivilisation haben prächtige Tempel gebaut. [...] Die meisten Steine, die von einem Volk zugehauen werden, finden Verwendung nur für sein Grab. Er begräbt sich selbst lebendigen Leibes. Was die Pyramiden betrifft, so muss man sich über nichts so sehr verwundern wie über die Tatsache, dass sich so viele Menschen fanden, niedrig genug, um ihr Leben zur Erbauung eines Grabes für irgendeinen ehrgeizigen Tölpel herzugeben.
[...]
Manche sind "fleißig" und scheinen die Arbeit um ihrer selbst willen zu lieben, oder vielleicht, weil sie dadurch vor gröberem Unfug abgehalten werden; diesen habe ich im Moment nichts zu sagen. [...] Ich selbst habe als die unabhängigste Beschäftigung die des Tagelöhners erkannt, besonders da man nur dreißig oder vierzig Tage im Jahr zu arbeiten braucht, um seinen Unterhalt zu verdienen. Mit dem Sonnenuntergang endet des Tagelöhners Arbeit; er ist dann frei, sich Neigungen hinzugeben, die mit seiner Arbeit nicht im Zusammenhang stehen. Sein Arbeitgeber dagegen, der von Monat zu Monat spekuliert, findet jahraus, jahrein weder Ruhe noch Muße.
[...]
Warum haben wir es alle so verzweifelt eilig, zu Erfolg zu kommen, noch dazu in so verzweifelten Unternehmungen? Wenn einer nicht Schritt hält mit den anderen, rührt es daher, dass er auf einen anderen Trommler hört. Jeder richte seine Schritte nach der Musik, die er vernimmt, mag sie noch so gemessen und leise klingen.
[...]
Ich will nicht mitten in diesem rastlosen, nervösen, hetzenden, platten neunzehnten Jahrhundert leben, vielmehr, während es an mir vorüberhastet, mit meinen Gedanken abseits stehen oder sitzen...

aus: Walden. Oder das Leben in den Wäldern

 


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