Robert Louis Stevenson

1850 - 1894

 

 

Lasst uns weniger betriebsam sein

Heutzutage, da jeder, der sich nicht die Missachtung der Welt zuziehen will, einen einträglichen Beruf ergreifen und den Sinn seines Lebens in seiner Arbeit finden muss, hat das Lob des Müßiggangs, die Versicherung, dass man zufrieden ist, wenn man sein Auskommen hat und es sonst vorzieht, sich einen guten Tag zu machen, völlig unberechtigterweise einen Anstrich von Aufschneiderei und Großsprecherei. Tatsächlich aber hat der Müßiggang, der durchaus nicht mit dem Nichtstun identisch ist, sondern dadurch charakterisiert wird, dass man Dinge tut, die in den Augen der herrschenden Klassen keinerlei Sinn haben, ebensoviel Berechtigung wie die Betriebsamkeit.

Zugegebenermaßen ist die Existenz von Menschen, die es ablehnen, sich um einiger Groschen willen an einem Hindernisrennen zu beteiligen, allen denen ein Dorn im Auge, die Anstrengungen dieser Art auf sich zu nehmen bereit sind. Ein anständiger Mensch entscheidet sich für eine Sache und führt sie dann entschlossen durch; es lässt sich verstehen, dass ihn - während er mühsam und angestrengt seinen Weg verfolgt - der Anblick jener ärgert, die am Straßenrande in kühlen Wiesen liegen, ein Tuch über der Stirn und eine Flasche Wein neben sich. Diogenes' Missachtung traf Alexander an einer sehr empfindlichen Stelle; es ist eine sehr schmerzliche Erfahrung für einen Menschen, der sein ganzes Leben hindurch gearbeitet hat, wenn er am Ende feststellen muss, dass die Menschheit von seinen Bemühungen gar keine Notiz nimmt.

Ohne jeden Zweifel ist der Müßiggang ein sehr wichtiger Bestandteil der Erziehung. Obwohl es hier und dort jemanden gegeben haben soll, der die Schulzeit überstanden hat, ohne seinen Verstand einzubüßen, bezahlen die meisten Menschen ihr Schulgeld sehr teuer; sie haben vorzeitig ihr ganzes Pulver verschossen, und wenn das eigentliche Leben beginnt, sind sie bankrott.

Lasst die anderen ihr Gedächtnis mit dem Gerümpel toter Worte anfüllen - nur die Müßiggänger erlernen die wahre Kunst: ein Lied zu trällern, eine gute Zigarre zu rauchen und leicht und angenehm dahin zu plaudern. Viele, die ihre Lehrbücher rechtschaffen durchgeackert und gründliche Kenntnisse aufgespeichert haben, erweisen sich in allen angenehmeren Lagen des Lebens als trockene, gallige und unfreundliche Gesellen.

Der Müßiggänger aber, der gleichzeitig mit ihnen die Bahn des Lebens beschritten hat, bietet ein anderes Bild. Er hat Zeit gehabt, sich um seine Gesundheit und seinen Geist zu kümmern, er ist viel an der frischen Luft gewesen, und das ist für Körper und Geist stets das beste. Es mag sein, dass er die wichtigen Bücher seiner Zeit niemals gelesen hat - aber er hat sie mit ausgezeichnetem Erfolg angeblättert und flüchtig überflogen. Ach - der Müßiggänger besitzt noch andere Qualitäten. Ich denke an seine Weisheit. Mit Dogmatikern hat er nichts zu schaffen; großzügig und heiter lässt er jedermann gelten. Ausgefallene Wahrheiten sind nicht seine Sache - er gibt sich mit Irrtümern zufrieden, wenn sie nicht allzu sehr auffallen. Gutgelaunt schlendert er die Seitenwege des Lebens entlang.

Übertriebene Geschäftigkeit ist immer ein Zeichen mangelnder Vitalität. Es gibt gewisse armselige Kreaturen, die in der Arbeit den Sinn des Lebens sehen. Würde man sie aufs Land oder auf ein Schiff bringen, würden sie sich nach ihrem Pult sehnen. Sie sind nie neugierig, niemals ausgelassen und mit sich selbst nicht zufrieden. Wenn sie nicht ins Büro gehen, ist die Welt leer für sie. Wenn sie auf die Eisenbahn eine Stunde warten müssen, schlafen sie mit geöffneten Augen.

Was mich betrifft, so begegne ich lieber einem glücklichen Menschen, als dass ich eine Fünf-Pfund-Note finde. Ein heiterer Mensch verbreitet gute Laune um sich, und wenn er in ein Zimmer kommt, ist es, als sei ein Licht angezündet worden.

Wofür denn - in Gottes Namen - diese ständige Plackerei? Für welchen Preis verbittern diese Menschen ihr Leben und das ihrer Mitmenschen? Ob ein Schriftsteller drei oder dreißig Artikel im Jahr veröffentlicht, ob ein Maler ein allegorisches Bild mehr malt - das sind Fragen, für die sich die Welt wenig interessiert. Es gibt äußerst wenige Dinge auf der Welt, die ein Pfund Tabak wert sind. Man kann es drehen, wie immer man will - kein Mensch ist unersetzlich.

Und doch sieht man überall Kaufleute, die ihr Leben auf der Jagd nach dem Gelde verbringen, Schriftsteller, die an ihren Artikeln so lange herumschreiben, bis ihre Laune jeden verärgert, der ihnen in den Weg kommt. Das Ziel, für das sie ihre kostbare Jugend opfern, ist eine Schimäre. Der Ruhm, den sie erhoffen, die Reichtümer, die sie erstreben, kommen nie - oder zu einer Zeit, da ihnen nichts mehr daran liegt. Sie aber haben ihr Leben vertan - auf der Jagd nach dem Unerreichbaren.

Mich friert bei dem Gedanken.

 


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