Georg Simmel

1858 - 1918

 

 

Das große Triebrad

»Und schreib getrost: Am Anfang war die Tat!« Aber vergiss nicht die richtige Betonung: Am Anfang war die Tat; denn alle höhere Entwicklung wird vom Willen zur Faulheit geleitet. Lassen wir uns nicht von dem Anschein der Unruhe und Geschäftigkeit blenden, mit dem die Menschenwelt ihr Innerlichstes übertäubt, überdeckt, wie das Meer die dunkle Ruhe seiner Tiefen mit dem Sturm seiner Wellen! Nichts anderes ist jede Tätigkeit, als die Brücke zwischen zwei Faulheiten, und alle Kultur arbeitet, dass sie immer kürzer und kürzer werde. Denn welchen Sinn und Zweck hätte das ungeheure Mühen und Schaffen des modernen Menschen, als dass er damit ein umso tieferes, umfassenderes, heiligeres Faulsein erringe? Es ist die eigentliche Tragik seiner Existenz, wenn er, das Ziel überspannend, sich in einem Unterbau von Mitteln verstrickt, aus dem er nicht mehr hinausfindet, wenn das Leben eher zu Ende ist als die Vorbereitungen für seinen definitiven Wert. Aber gerade dies zeigt, dass die Faulheit das Absolute, in sich allein Ruhende, Selbstgenügsame des Daseins ist, alle Tätigkeit aber nur relativ, nur Mittel, über sich hinausweisendes Durchgangsstadium. Die fleißigste Aktivität ist nichts als eine leere Form, ein bloßer Weg, sinnlos, wenn nicht an ihrem Ende die Erlösung von ihr winkte. Ein griechischer Philosoph hat behauptet, dass es zu den Bewegungen der Welt, weil jede von einer andern, vorhergehenden verursacht wird, nur gekommen sein kann, wenn es ein letztes Prinzip gäbe, das, selbst unbewegt, doch alle Bewegung von sich ausgehen lässt. Jahrtausendelang hat der innere Widerspruch und die gleichzeitige Unumgänglichkeit des »unbewegten Bewegers« die Philosophie erregt. In der Faulheit haben wir ihn endlich ergriffen; denn sie, nicht nur unbewegt, sondern die Unbewegtheit in Substanz, ist doch die Veranlassung unserer Bewegungen, mit ihrer Vertiefung und der Sehnsucht nach ihr steigt die Kraft und das Tempo all unsrer Regsamkeiten [...]

Weil man sie nicht in ihrer Tiefe erfasst hat, verhüllt sich ihre Bedeutung in so verschämte Ausdrücke wie: Prinzip der Kraftersparnis - auf das eingestandenermaßen die höchsten Errungenschaften des Menschengeistes zurückzuführen sind. Mit der Erkenntnis der Naturgesetze glauben wir die ganze Vielfalt der Ereignisse in höchster Verdichtung und Vergeistigung zu besitzen, durch das Naturgesetz beherrschen wir gleichsam ihre Seele und sind der Beobachtung des einzelnen Verlaufes enthoben. Aber das heißt nichts anderes, als dass wir uns mit dem Gesetz, das die Bewegungen der Dinge ein für allemal zusammenfasst, die Mühe ersparen, den Einzelfall festzustellen; wären wir nicht so faul, wir hätten niemals auf die ganze Fülle und Breite des Seins verzichtet, um es in Pillenform zu uns zu nehmen, hätten uns niemals statt mit der Wirklichkeit mit ihrer Abstraktion im Naturgesetze begnügt. Abstraktion ist die sublimierteste, sublimste Faulheit. Und die praktische Anwendung unseres Wissens um die Naturgesetze in der Maschine? Weshalb in aller Welt arbeiten wir nicht mehr mit den Händen, sondern kaufen uns die Arbeit ab, indem wir die eisernen Sklaven, die so oft unsere Herren werden, zwischen uns und unsere Bedürfnisse schieben? Das eine große Triebrad, das mit unzähligen Transmissionen alle Maschinen der Welt treibt, ist - Faulheit; die Kraft, die sich in all diese Formen umsetzt, ist die Ersparnis an Kraft, und unser Tun, mit dem wir die gerühmte Maschinenkultur schaffen, will nichts als unsere Entlastung vom Tun.

Nicht weniger aber als der Gipfel des praktischen Lebens ist der des fühlenden zugleich der Gipfel der Faulheit: das ästhetische Genießen. Was gibt uns denn im Erleben des Schönen jene unvergleichliche innere Freiheit, jenes Jenseits aller Härte und Schwere der Dinge, jene Windstille und Helligkeit der Seele, vor der alle Feindseligkeit und Dumpfheit sich löst, wie Wolken vor der Sonne des Sommermittags? Ist es denn anderes, als dass das Schöne uns in den Schoß wirft, worauf das Leben sonst den Preis der Mühsal, des Kampfes, des Ringens gesetzt hat - uns in den Schoß wirft mit der holdseligen Miene, mit der anmutige Güte den Armen beschenkt, dass er sich als den Gewährenden, aus Gunst Annehmenden fühlen soll? Man hat mit Recht gesagt, der Reiz des Schönen bestünde in der Leichtigkeit und Ungehemmtheit des Vorstellungsverlaufes, den es entfesselt. Der kurze Augenblick des Genießens wird zu einer ungeheuren Erhöhung des Lebens durch die Fülle leicht dahingleitender Vorstellungen, die die Schwelle des Bewusstseins wie im Tanze umspielen, während das Leben sie in Unverträglichkeit und Reibung auseinander hält. Im Empfinden des Schönen haben wir uns das zweckmäßige Instrument geschaffen, um die Widerstände der Dinge in der Seele zu überwinden, so dass uns im Spiel gelingt, woran sonst die ganze Arbeit und Mühe des Lebens gesetzt werden muss. Es ist der höchste Triumph, den die Faulheit feiern kann [...]

Das Schöne trägt uns in die Fülle des Seins, in die wir sonst nur Schritt für Schritt mit mühsamem Tasten hineinkommen, es trägt die Fülle des Seins in uns, der wir sonst nur mit unsäglicher Arbeit Raum in unserm Innern schaffen können. Die Schönheit ist deshalb das äußerste Raffinement des Willens zur Trägheit, weil sie uns eine scheinbar höchste Aktivität als dessen Befriedigung darbietet: die lebhafteste und ausgreifendste Bewegung des Geistes, durch eine Welt harmonisch geeinter Gefühle und Vorstellungen hin - während doch all ihre Motivierung und Bedeutung in dem liegt, was sie uns an inneren Bemühungen erspart; nicht was wir leisten, sondern was wir eben in dem Glück dieses Genießens nicht zu leisten brauchen, gibt dem Schönen seinen letzten Sinn. Dem geschärften Blick entschleiert sich die Faulheit als das »Ding an sich« der Seele, dem das Schöne nur die blendendste, verblendendste Erscheinung leiht [...]

Was in der Natur die »Erhaltung der Energie« ist, das ist in der Menschenwelt die Erhaltung der Faulheit - d.h., in beiden Fällen ist es ein ein für allemal beschiedenes Maß, das durch die Fülle wechselnder Gestaltungen sich unverändert erhält, von einer der anderen übergeben und in diesem Spiele bloßer Formwandlungen die ganze Bewegung des Daseins erzeugend und erschöpfend. Wie es dieselbe Energie ist, die sich als Wärme, als Elektrizität, als Bewegung äußert und dabei nicht mehr und nicht weniger wird, so ist es eine und dieselbe Faulheitssumme, die sich in der despotischen wie in der parlamentarischen, in der aristokratischen wie in der demokratischen Gesellschaftsform darstellt und in allem Gegensatz ihrer Äußerungen immer dasselbe Maß bewahrt. In der kapitalistischen Ordnung faulenzen einige, und alle anderen müssen arbeiten; die sozialistische verspricht, dass die Faulheit gleichmäßig verteilt werden soll. Aber wenn das Recht auf Faulheit, dass das letzte Motiv und Absehen des Rechtes auf Arbeit ist, allgemein wird, so müssen jene wenigen so viel abgeben, wie die vielen gewinnen sollen. Wie die Summe der Energie dem Weltall als sein ewiges Schicksal mitgegeben ist, mit dem es auszukommen hat, so ist der Menschenwelt ein Quantum Faulheit beschieden, ein ewig gestaltenwechselnder Proteus, in dessen Wandlungen sich ihre Geschichte vollzieht: Ob die Gesellschaft reich oder arm, gut oder schlecht organisiert, zivilisiert oder roh ist - das alles ist nur ein Hin- und Hergeschiebe, ein Latentwerden oder Wirken, ein Auseinanderfließen oder sich Zusammenziehen jener ewiggleichen Faulheitssumme. Die Faulheit ist der Generalnenner, der allein allen geschichtlichen Mächten gemeinsam ist, der jede als ihr Erfolg oder als ihr Schatten begleitet, der allein die lange gesuchte Einheit des aufbauenden und des zerstörenden Prinzips darstellt, in dem allein die guten und die bösen Potenzen sich zusammenfinden - gerade wie sie das einzige Element ist, das dem körperlichen wie dem geistigen Sein eigen ist und das so, über deren Gegensatz stehend, den einheitlichen Quellpunkt zeigt, aus dem diese beiden Seiten der Wirklichkeit entspringen, um in dem unbegreiflichen Auseinander ihrer Entwicklung uns nur noch diese letzte Einheit der absoluten Faulheit zu gewähren und uns so allein von der Unerträglichkeit ihres unversöhnten Dualismus zu retten.

Und nun noch ein letzter Schritt. Jenes Spiel der kosmischen Kräfte, das von dem Gesetz sich erhaltender Energie gelenkt wird, strebt einem Endpunkt zu: Einmal, so lehren unsere Forscher, werden alle Temperaturunterschiede im Weltall ausgeglichen sein, alle Atome eine Gleichgewichtslage gewonnen haben und die Energie in gleichmäßiger Verteilung durch alles Existierende zerstreut sein. Dann ist das Säkulum der Bewegung zu Ende, und das ewige Reich der kosmischen Faulheit beginnt. So ist sie das letzte, von der Ordnung der irdischen Dinge dieser selbst gesetzte Ziel; und es ist die Höhe und Würde des Menschen, dass er dieses in sich vorwegnehmend verwirklichen kann, indem er in seinen faulsten Stunden im höchsten Sinne zum Mikrokosmos wird, weil das letzte Entwicklungsziel des Kosmos in ihm Geist, Gefühl, Genus geworden ist. Indem die Philosophie dies jetzt in ihr Bewusstsein gehoben hat, ist der äußerste Punkt ihrer Geschichte erreicht, nach dem sie nur noch schweigen kann, um so, ihrer Aufgabe endlich gerecht geworden, zum ersten Male in sich selbst das Prinzip darzustellen, das sie als das absolute der Welt erkannt hat.

 


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