Lucius Annaeus Seneca

um 4 v. Chr. - 65 n. Chr.

 

 

Muße ohne geistige Tätigkeit ist Tod und Lebendig-Begrabensein.

 

Soll, wer mag, als Machthaber auf dem gefährlichen Gipfel der Herrschaft stehen: Mir soll meine süße Ruhe genügen. An unauffälligem Platz möchte ich meine wohltuende Muße genießen. Ohne dass meine Mitbürger davon Kenntnis nehmen, möge mein Leben in Stille dahinfließen. Wenn so meine Tage geräuschlos verstrichen sind, möchte ich als Plebejer sterben, und zwar alt.

aus: Thyestes

 

... Sie belasten sich mit Geschäften, um besser leben zu können; auf Kosten des Lebens richten sie sich ihr Leben ein. ... Ist es also etwa zweifelhaft, dass gerade der beste Tag den armen, mit anderen Worten, den mit Geschäften belasteten Menschen zuerst entflieht? Sie sind noch kindisch, wenn das Greisenalter sie überrascht, in das sie unvorbereitet und ungerüstet eintreten. Denn von Vorsorge war nicht die Rede: plötzlich und ahnungslos sind sie hineingetaumelt, ohne das sie merkten, das es täglich näher rückte.
...
Wollte ich meine Behauptung durch zergliederte Beweisführung stützen, so würden sich reichlich Belege dafür finden, dass das Leben der mit Geschäften Belasteten sehr kurz sei.
...
Auch die möchte ich nicht unter die der Muße ergebenen zählen, die sich in Tragsesseln oder Sänften nach dieser oder jener Stelle hinbefördern lassen und die Stunde zu ihrer Spaziertour kaum erwarten können, als wäre jede Abweichung verpönt; diese Leute, die eines anderen bedürfen um sich mahnen zu lassen, wann sie sich baden sollen, wann schwimmen, wann speisen. Der Verfall ihrer geistigen Kraft infolge dieser alles Maß übersteigenden Verweichlichung geht also so weit, dass sie durch sich selbst nicht wissen können, wann sie hungrig sind...
Es wäre reine Zeitverschwendung, wollte ich im einzelnen die ganze Reihe derer aufführen, die ihr Leben vertan haben im Brettspiel oder Würfelspiel, oder mit der Sorge, ihren Körper von der Sonne durchkochen zu lassen. Die sind nicht der Muße ergeben, deren Vergnügungen viele Vorbereitungen nötig machen. Denn was die betrifft, die sich unfruchtbaren literarischen Studien hingeben, so herrscht wohl kein Zweifel, dass dies nur geschäftiges Nichtstun ist; die Schar dieser Leute ist auch bei den Römern ziemlich groß. Es war ein krankhaftes Bestreben der Griechen, zu untersuchen, wie viele Ruderknechte Ulixes gehabt habe, was früher abgefasst sei, die Ilias oder die Odyssee, überdies, ob der Verfasser beider der nämliche sei, und noch manches andere dieser Art, das, wenn man es bei sich behält, als stiller geistiger Besitz uns nichts hilft, oder, wenn man es veröffentlicht, uns mehr lästig als gelehrt erscheinen lässt. Ein Jammer, dass auch die Römer die eitle Sucht ergriffen hat!
...
Der Muße wirklich ergeben sind überhaupt nur die, die ihre Zeit der Weisheit widmen; denn sie allein führen ein wirkliches Leben; sind sie doch nicht nur gewissenhafte Hüter ihrer eigenen Lebenszeit, sondern fügen auch den gesamten Zeitverlauf ihrem Leben hinzu; alles Schaffen vorvergangener Jahre ist ein Erwerb auch für sie. ... Ehrungen, Denkmale, alles, was dem Ehrgeiz huldigt, sei es in öffentlichen Anerkennungen, sei es in großartigen Werken der Kunst, ist raschem Verfalle preisgegeben; alles zerstört der Zahn der Zeit und lässt nichts unberührt. Aber dem, worauf die Weisheit ihr Siegel gedrückt hat, kann die Zeit nichts anhaben. ... Das Leben der Weisen hat also einen weiten Spielraum... Die Zusammenfassung aller Zeiten macht ihm das Leben lang.
Dagegen ist das Leben derer sehr kurz und sorgenvoll, die das Vergangene vergessen, die Gegenwart verträumen und vor der Zukunft Angst haben; sind sie ans Ende gekommen, so sehen sie, diese Bedauernswerten, zu spät ein, das sie so lange beschäftigt gewesen sind, ohne doch etwas zu tun.
...
Alle Geschäftsleute sind in einer beklagenswerten Lage, am beklagenswertesten aber ist die Lage derjenigen, die sich nicht einmal mit Geschäften für sich selbst abarbeiten: ihr Schlaf richtet sich nach dem Schlaf anderer, ihre Schriftführung nach dem Schritte anderer, ja, selbst in ihrem Lieben und Hassen, diesen freiesten aller Seelenregungen, sind sie ganz an den Befehl eines anderen gebunden. Wollen diese Leute wissen, wie kurz ihr Leben sei, so mögen sie nur daran denken, welch winziger Teil davon ihnen selbst gehört. ...

aus: Von der Kürze des Lebens

 


www.otium-bremen.de