Volker Schürmann

*1960

 

 

Das, was Muße zur Muße macht, ist (...) ein Verhältnis von festlicher Tätigkeit und Muße im engeren Sinn, also eine Tätigkeit, die sich als Selbstzweck gibt, in jener eigentümlichen Zeitstruktur. Schon deshalb, weil die Eigentümlichkeit dieser Zeitstruktur darin liegt, den Alltag in spezifischer Weise zu unterbrechen, scheint es sich um einen ausgezeichneten Zeitraum zu handeln: der Sonntag des Lebens. Jedoch liegt darin die Suggestivkraft, Muße sei eine Art (noch) leerer Zeitbehälter, den man dann, auch noch, wahllos anfüllen kann bzw. erst noch sinnvoll anfüllen muss. Doch das geht wider alle heutige Erfahrung: Feiern kann man auch wochentags, und sonntägliche Gottesdienste können tote Feiertagshülsen sein. Muße ist daher nicht so sehr durch einen vorab festgelegten Zeitraum definiert, sondern durch so etwas, was man einen topos (Ort) der menschlichen Zeit nennen kann: jene Zeit, die um ihrer selbst willen verbracht wird, und die senkrecht steht zur Alltagszeit, die um eines Nutzens willen verbracht wird. Dies ist dann metaphorisch der "Sonntag des Lebens", der keinesfalls sonntags stattfinden muss. Solche Orte menschlicher Zeit - von denen es mit Aristoteles (mindestens) drei grundlegende zu unterscheiden gilt: Arbeit, Spiel, Muße - sind strukturelle Charakteristika, nicht aber Zeiträume, die es erst noch auszufüllen gilt. D.h., Muße ist nicht - weder real noch logisch - das Produkt aus gewissem "festlichen" Tun plus spezifischer Zeitstruktur, sondern an festlicher Tätigkeit ist der Zeit-Topos der Muße und die spezifische Qualität festlichen Tuns zu differenzieren. Und das geht nur im Nachhinein.

Eine Tätigkeit, die in einer Zeit vollzogen wird, die um ihrer selbst willen verbracht wird, ist offenbar nicht von der Struktur, dass man sie willentlich anzielen kann. Das Feiern steht nicht in der Verfügungsgewalt des Menschen. Zwar kann man vieles und muss man einiges tun, um die Voraussetzungen eines Festes zu schaffen, aber alle Strategien als solche -seien es akribische Vorbereitungen, sei es spontanes Ad-hoc-Bereitstellen von Bedingungen - garantieren noch kein Fest. Das meint mehr und anderes, als dass ein Fest auch scheitern kann. Die Festlichkeit eines Festes ist ein produktives Geschehnis: Es stellt sich ein oder auch nicht, aber es kann nicht, auch nicht indirekt, angezielt werden. Ein Fest muss man pflegen - und das ist wesentlich mehr und anderes als eine gute Vorbereitung. Ein Fest kann man freilich, wie alle Erfahrung lehrt, pflegen, und in diesem Sinne steht das Festliche eines Festes durchaus in der Macht des Menschen und ist kein bloßes Geschick. Aber dass man ein Fest auch pflegen muss, besagt eben, dass es nicht in der Verfügungsgewalt des Menschen steht. Bereits nach alter Überlieferung ist "die Berührung des Göttlichen in der Muße nicht verfügbar, sondern nach Vergil ein Geschenk der Götter".

Der Vergleich mit dem Spiel mag dieses konstitutiv passive Moment deutlicher machen. In einem gewissen Sinn gilt natürlich auch für das Spielen. dass allein eine gute Vorbereitung und Bereitstellung von Bedingungen noch kein Spiel garantiert; das Spiel ist ja nur dann ein Spiel - und nicht Erholungs-Arbeit -, wenn der Erholungs-Wert des Spielens von den Spielenden aus den Augen verloren wird. Die Spielenden müssen "in's Spiel hineinkommen und sich darin verlieren", wie man so sagt. Ob das gelingt oder nicht, dafür gibt es sicher keine Garantie. Aber immerhin ist noch klar, was denn im Prinzip zu tun ist: Man muss einfach "nur" den Regeln des Spiels folgen, und je mehr man sich diesen Regeln überlässt, desto mehr verliert man sich im Spiel. Demgegenüber gibt es definitiv keine Regeln, denen man sich anvertrauen kann oder muss, um in ein Fest hineinzukommen und sich dort zu verlieren. Die Regularität eines Festes bildet sich unterwegs (=im Vollzug des Festes) und ist als Vorab-Regel nicht zu haben. Eher im Gegenteil: Ein gelungenes Fest zum Vorbild für ein nächstes zu nehmen und dessen Regularität zur Regel machen zu wollen, ist das beste Mittel, die Festlichkeit eines Festes zu verhindern. Freilich bilden sich, bei institutionalisierten Festen, Rituale, damit die Bildung einer Regularität des Festlichen nicht dem Zufall überlassen bleibt - man kann Feste pflegen -, aber Rituale locken gleichsam nur das Göttliche und sind es nicht, bei Strafe von Peinlichkeiten, schon selbst.

Muße bezeichnet einerseits einen bestimmten Topos innerhalb der (Gesamt-)Zeit des menschlichen Lebens: Zeit, die um ihrer selbst willen verbracht wird. Zum anderen aber bezeichnet Muße (nur) den affirmativen, positiven Modus solcherart verbrachter Zeit: Zeittotschlagen ist zwar auch um ihrer selbst wegen verbrachte Zeit, aber das ist nicht eigentlich mußevolles Feiern, sondern Müßiggang.

aus: Muße (2001)

 


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