Jean-Jacques Rousseau

1712 - 1778

 

 

[...] der wilde Mensch und der zivilisierte Mensch unterscheiden sich dermaßen im Grund ihres Herzens und in ihren Neigungen, dass eben dasjenige, was das höchste Glück des einen ausmachte, den anderen zur Verzweiflung brächte. Der erste sehnt sich nur nach Ruhe und Freiheit; er will bloß leben und müßig bleiben; und selbst die Ataraxie des Stoikers reicht an seine tiefe Gleichgültigkeit gegenüber jedem anderen Gegenstand nicht heran. Der immerzu tätige Bürger hingegen schwitzt, hetzt sich ab, quält sich ohne Unterlass, nur um sich noch mühsamere Beschäftigungen zu suchen; er arbeitet bis zu seinem Tod, läuft ihm sogar entgegen, um imstande zu sein zu leben, oder entsagt dem Leben, um die Unsterblichkeit zu erlangen. Er hofiert die Großen, die er hasst, und die Reichen, die er verachtet; er spart an nichts, um die Ehre zu erlangen, sie bedienen zu dürfen; er brüstet sich hochmütig mit seiner Niedrigkeit und ihrer Protektion; und stolz auf sein Sklavendasein, spricht er mit Verachtung von denjenigen, die nicht die Ehre haben, dieses mit ihm zu teilen. Welch ein Schauspiel stellen doch für einen Kariben die mühevollen und vielbeneideten Arbeiten eines europäischen Ministers dar! Wie viele grausame Tode würde dieser träge Wilde nicht der Schrecklichkeit eines solchen Lebens vorziehen, das oft nicht einmal durch das Vergnügen versüßt wird, Gutes zu tun! Um aber den Zweck so vieler Sorgen ausmachen zu können, müssten die Wörter "Macht" und "Ansehen" in seinem Geist einen Sinn bekommen; er müsste lernen, dass es eine Art von Menschen gibt, denen die Beachtung durch den Rest der Welt etwas bedeutet, die es verstehen, eher aufgrund des Zeugnisses von anderen als aufgrund ihres eigenen glücklich und zufrieden mit sich selbst zu sein. Dies nämlich ist die wirkliche Ursache all dieser Unterschiede: Der Wilde lebt in sich selbst; der gesellschaftliche Mensch ist immer außerhalb seiner selbst und weiß nur in der Meinung der anderen zu leben; und er bezieht sozusagen allein aus ihrem Urteil das Gefühl seiner eigenen Existenz. [...]

aus: Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen (1754)

 

[...] Wenn man einerseits die ungeheuren Leistungen des Menschen betrachtet, so viele ausgearbeitete Wissenschaften, so viele erfundene Kunstfertigkeiten, so viele angewandte Kräfte, zugeschüttete Abgründe, eingeebnete Berge, gesprengte Felsen, schiffbar gemachte Flüsse, urbar gemachte Böden, ausgehobene Seen, trockengelegte Sümpfe, riesige Gebäude, die auf der Erde errichtet sind, das Meer, das überall von Schiffen und Matrosen befahren wird, und wenn man andererseits mit ein wenig Nachdenken die wahren Vorteile untersucht, die sich aus all dem für das Glück der menschlichen Gattung ergeben haben, so kann man über das Missverhältnis, das zwischen diesen Dingen herrscht, nur bass erstaunt sein und die Verblendung des Menschen beklagen, die ihn, um seinen närrischen Stolz und ich weiß nicht welch eitle Selbstbewunderung zu nähren, mit Eifer all diesem Elend hinterherlaufen lässt, für das er empfänglich ist und das die wohlwollende Natur von ihm fernzuhalten getrachtet hatte.[...]

aus: Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen (Anmerkungen)

 


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