Rainer Maria Rilke

1875 - 1926

 

 

... ich habe mich sooft gefragt, ob nicht gerade die Tage,
da wir gezwungen sind, müßig zu sein,
diejenigen sind, die wir in tiefer Tätigkeit verbringen?
Ob nicht unser Handeln selbst, wenn es später kommt,
nur der letzte Nachklang einer großen Bewegung ist,
die in untätigen Tagen in uns geschieht?

Jedenfalls ist es sehr wichtig, mit Vertrauen müßig zu sein,
mit Hingabe, womöglich mit Freude.
Die Tage, da auch unsere Hände sich nicht rühren,
sind so ungewöhnlich still,
daß es kaum möglich ist,
sie zu erleben, ohne vieles zu hören ...

aus: Brief an Tora Holmström, 24. August 1904
in:   Rainer Maria Rilke: Briefe aus den Jahren 1902 bis 1906
       Leipzig: Insel 1929, S. 216 f.

 

Das XXII. Sonett

Wir sind die Treibenden.
Aber den Schritt der Zeit,
nehmt ihn als Kleinigkeit
im immer Bleibenden.

Alles das Eilende
wird schon vorüber sein;
denn das Verweilende
erst weiht uns ein.

Knaben, o werft den Mut
nicht in die Schnelligkeit,
nicht in den Flugversuch.

Alles ist ausgeruht:
Dunkel und Helligkeit,
Blume und Buch.

 


www.otium-bremen.de