Ulrich Renz

*1960

 

 

Der Held unserer Zeit: Der Profi

Ganz an der Spitze der Wertehierarchie steht (...) die bezahlte Arbeit. Nur sie wird feierlich als Beruf bezeichnet. Wer keinen Beruf hat, ist arbeitslos. Arbeit, die sich außerhalb der Erwerbsarbeit abspielt, ist Kinderkram, ein Hobby, eine Form der Beschäftigungstherapie - Amateurliga. Im eigenen Haushalt arbeitet nur, wer sich keine Putzfrau leisten kann. Die eigenen Kinder aufzuziehen ist ein Ausweis anspruchsloser Einfältigkeit. Wer anderer Leute Kinder gegen Geld betreut, ist dagegen als pädagogische Fachkraft anerkannt, ein Profi, der zur richtigen, ernsthaften Welt dazugehört. Erst die Lohnsteuerkarte weist uns als nützliches Mitglied der Gesellschaft aus. Wichtig ist die Arbeit, die man hat, nicht die, die man tut.

Schlecht also für den, der keine Arbeit hat. Mit dem Arbeitsplatz hat er auch seinen Platz in der Gesellschaft verloren. Die moderne Version der Hölle heißt Arbeitslosigkeit.

Nur als Berufsmenschen sind wir wer. Das Professionelle ist das Maß der Dinge, die Norm, an der sich das menschliche Handeln zu messen hat. Erfolg im Beruf wird mit Erfolg im Leben gleichgesetzt, nichts gilt uns mehr als die professionelle Leistung. Professionell ist heute synonym mit perfekt. Eine absolut professionell durchgeführte Tätigkeit - sei es nun ein chirurgischer Eingriff oder ein Bankeinbruch - nötigt uns Respekt ab. Außerberufliche Leistungen sind dagegen mit dem Ruch des Zweitklassigen belegt. Amateur zu sein - was vom Wortsinn her bedeutet, etwas mit Liebe zu machen - ist geradezu zum Schimpfwort mutiert. Noch schlimmer ist es dem Dilettanten ergangen, der mehr oder weniger zum Pfuscher geworden ist - keine Spur mehr von der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs, der sich von "diletto", der Freude, ableitet. Der Profi ist der Held unserer Zeit.

Eine eventuelle Sinnlosigkeit des Arbeitsinhalts steht nicht zur Debatte. Da es keinen Sinn ohne Arbeit gibt, gibt es auch keine Arbeit ohne Sinn. "Es gibt keine Drecksarbeit, und jeder Job ist besser als kein Job." (Bodo Hombach). Bei solchen Aussagen können sich Politiker des Beifalls ihres Publikums sicher sein. Der Mensch scheint nur dann Mensch zu sein, wenn er sich in den Wirtschaftsprozess eingliedert.

aus: Axel Braig & Ulrich Renz: "Die Kunst, weniger zu arbeiten"

 


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