August Graf von Platen

1796 - 1835

 

 

Nach langer Arbeit glücklichem Vollbringen
Mit süßem Nichts die Tage zu verträumen,
Bei jedem flüchtigen Genuß zu säumen,
Am Großen sich ergötzend und Geringen;

Aus edlen Dichtern einen Vers zu singen,
Gestreckt ins Gras, wo laute Quellen schäumen,
An Rosenhecken, unter Lindenbäumen
Das Leben unbesorgt dahin zu bringen.

Im Mai die Stirn mit jungem Laub zu krönen,
Die lauen Nächte, bis es wieder taget,
Durch Weingenuß und Liebe zu verschönen,

Dies ist, und wenn mich auch darob verklaget
Ein Sittenrichter, der es will verpönen,
Das Einzige, was meinem Sinn behaget.

 

 

Wer wusste je das Leben recht zu fassen,
Wer hat die Hälfte nicht davon verloren
Im Traum, im Fieber, im Gespräch mit Toren,
In Liebesqual, im leeren Zeitverprassen?

Ja, der sogar, der ruhig und gelassen,
Mit dem Bewusstsein, was er soll, geboren,
Frühzeitig einen Lebensgang erkoren,
Muss vor des Lebens Widerspruch erblassen.

Denn jeder hofft doch, dass das Glück ihm lache,
Allein das Glück, wenn's wirklich kommt, ertragen,
Ist keines Menschen, wäre Gottes Sache.

Auch kommt es nie, wir wünschen bloß und wagen:
Dem Schläfer fällt es nimmermehr vom Dache,
Und auch der Läufer wird es nicht erjagen.

 

 

Sollen namenlos uns länger
Tag' um Tage so verstreichen?
Kommt, verliebte Müßiggänger,
Trinker, kommt, die Stunden schleichen:
Sammelt rings euch um den Sänger,
Dass er sei bei seinesgleichen!

Was Vernünft'ge hoch verehren,
Taugte jedem, der's verstünde;
Doch zu schwer sind ihre Lehren,
Zu verborgen ihre Gründe:
Sie, die von der Tugend zehren,
Ließen übrig uns die Sünde.

Was wir fühlen, was wir denken,
Halten drum wir im geheimen;
Denn wer möcht' ein Korn versenken,
Wenn's noch nicht vermag zu keimen?
Lasst indes uns in den Schenken
Liebliche Gedichte reimen!

 


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