Thomas Morus

1478 - 1535

 

 

(...) Hier teilen sie den Tag mit Einschluss der Nacht in vierundzwanzig gleichlange Stunden, verwenden aber davon nur sechs zur Arbeit, nämlich drei vor dem Mittag; darauf nehmen sie das Mittagessen ein, ruhen nach dem Essen die ersten zwei Nachmittagsstunden und liegen dann wieder drei Stunden lang der Arbeit ob; daran schließt sich das Abendessen an. Um die achte Stunde - die erste rechnen sie vom Mittag an - gehen sie zu Bett; acht Stunden beansprucht der Schlaf.

Die ganze Zeit zwischen der Arbeit einerseits, dem Schlafen und Essen andererseits bleibt jedem zu freier Verfügung, nicht damit er sie zechend oder faulenzend missbrauche, sondern, frei von seinem Beruf, sie nach Herzenslust für eine andere Betätigung gut verwende. Diese Freizeit widmen die meisten den Studien. (...) Immerhin, wer auch diese Zeit lieber in seinem Beruf zubringt - und das ist bei vielen der Fall, deren Geist nicht zu den Höhen der Wissenschaft aufsteigen mag -, darf das ruhig tun, ja man lobt ihn noch als nützliches Glied des Staates.

Nach dem Abendessen verbringen sie eine Stunde bei gemütlichem Beisammensein, im Sommer in den Gärten, im Winter in jenen gemeinsamen Räumen, in denen sie essen; da musizieren sie oder erholen sich beim Schwatzen. Das Würfeln und derlei läppische und ruinöse Spiele sind ihnen selbst dem Namen nach unbekannt; doch pflegen sie zwei Arten, die dem Brettspiel nicht unähnlich sehen. (...)

Doch müssen wir hier zur Vermeidung eines Irrtums einen bestimmten Punkt näher ins Auge fassen. Weil sie nämlich der Arbeit nur während sechs Stunden obliegen, meint man vielleicht, es müsse ein Mangel an den notwendigen Dingen entstehen. Dem ist aber nicht so, vielmehr bleibt zur Herstellung aller Erzeugnisse, die unentbehrlich oder zweckmäßig sind, nicht nur genug, sondern übergenug Zeit. Das werdet auch ihr euch sagen müssen, sobald ihr überlegt, welch großer Volksteil bei anderen Nationen müßig geht: zunächst fast alle Frauen, die Hälfte des Ganzen, - oder wo die Weiber arbeiten, pflegen an ihrer Stelle die Männer zu schnarchen-, dann die große faule Gesellschaft der Priester und der so genannten Religiösen, dazu alle Reichen, namentlich die Gutsbesitzer, die man gewöhnlich Edle und Vornehme nennt, ferner deren Gefolge, das heißt eine Bande bewaffneter Tagediebe, außerdem die starken und gesunden Bettler, die mit irgendeinem Leiden ihre Arbeitsscheu maskieren - sicher wirst du finden, dass es viel weniger Menschen sind, als du meintest, deren Arbeit wir alles verdanken, was wir in Gebrauch nehmen.

Überlege dir nun, wie wenige von diesen Menschen selbst wieder in unentbehrlichen Berufen tätig sind. Denn da unser einziger Maßstab das Geld ist, werden notwendigerweise viele zwecklose, überflüssige Tätigkeiten ausgeübt, die bloß der Genusssucht und Ausschweifung dienen. Wenn nämlich die ganze Menge der Tätigen auf die wenigen Berufe konzentriert würde, die für eine zweckmäßige Verwertung der Naturschätze völlig ausreichen, so würden bei dem Überfluss an Erzeugnissen, wie er dann herrschen müsste, die Preise natürlich zu niedrig werden, als dass die Berufstätigen davon leben könnten. Aber wenn alle, die sich nun mit zweckloser Arbeit beschäftigen, und dazu noch das ganze Heer der Faulenzer und Nichtstuer, deren jeder doppelt soviel von den durch die Arbeit anderer hergestellten Dingen verbraucht als der Hersteller, insgesamt zur Arbeit, und zwar zu nützlicher Arbeit angehalten würden, so könnte, wie du leicht erkennst, viel weniger Zeit ausreichen, um alles herzustellen, was unentbehrlich oder zweckmäßig ist oder sogar nur dem Vergnügen dient - ich meine dabei einem echten und natürlichen Vergnügen.
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Weil also alle ein nützliches Handwerk treiben und dieses selbst mit weniger Arbeit auskommt, können sie bei dem Überfluss an allen Erzeugnissen ohne weiteres etwas zur Ausbesserung der Straßen, wenn diese abgenützt sind, eine gewaltige Menge Arbeiter auf die Beine bringen; gibt es nicht einmal etwas derartiges zu tun, so setzen sie oft auch offiziell die Arbeitszeit herab; denn die Behörden schinden die Bürger nicht mit überflüssiger Arbeit, da dieser Staat vor allem das eine Ziel verfolgt, jeden Bürger, soweit es die Bedürfnisse der Allgemeinheit erlauben, möglichst ausgiebig vom körperlichen Frondienst zu entlasten, zugunsten der freien Entfaltung und Pflege des Geistes: darauf nämlich beruht, wie sie glauben, das Glück des ganzen Daseins.
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Die Utopier verstehen es (...) nicht, wie ein Mensch, der doch einen Stern oder auch die Sonne selbst anzusehen Gelegenheit hat, an dem stumpfen Schimmer eines kleinen Edelsteins Gefallen finden mag, oder wie einer so verrückt sein kann, sich wegen eines feiner gesponnenen Wollfadens vornehmer zu dünken, wenn doch diese Wolle - mag jetzt der Faden noch so fein sein - vorher ein Schaf getragen hat, das dabei gar nichts anderes war als ein echtes dummes Schaf. Sie verstehen ebenso wenig, warum das von Natur so unnütze Gold heutzutage soviel Wert sein soll, dass der Mensch selbst, durch den und für den es diesen Wert erhielt, viel weniger gilt als das Gold, ja dass ein Knot, ein Kerl der nicht mehr Geist hat als ein Holzklotz und ebenso verworfen und dumm ist, trotzdem viele weise und rechtschaffene Männer zu Sklaven hat, einfach weil ihm ein großer Haufe Goldstücke zugefallen ist. Wenn aber dann ein Schicksalsschlag oder eine Tücke der Gesetze, die so gut wie das Schicksal alles umstürzen kann, jenem Herrn den Goldhaufen wegnimmt und dem verworfensten Taugenichts unter seinem ganzen Gesinde zuhält, gerät er im Handkehrum in den Dienst seines bisherigen Dieners wie ein Anhängsel, eine Zugabe zu den Goldstücken. Noch weniger verstehen sie und noch schärfer verurteilen sie die Verrückten, die einem solchen Reichen, ohne ihm etwas zu verdanken oder etwas zu schulden, beinahe göttliche Ehren erweisen, aus keinem anderen Grunde als weil er reich ist, während sie ihn doch als den schmutzigsten Geizhals kennen und so sicher wissen, wie zweimal zwei vier ist, dass zu seinen Lebzeiten von dem riesigen Geldhaufen nie auch nur ein Heller für sie abfallen wird.
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aus: Utopia (1516)

 


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