Johann Kowalczik

*1949

 

 

Arbeit, süße Arbeit

Sie war ne Fachkraft bester Güte, doch irgendwann mißfiels dem Mob.
In böser Ahnung, was ihr blühte, quittierte sie den lauen Job.
Da rief sie: Arbeit, süße Arbeit!
Scheiß drauf, ich schmeiß die Brocken hin!
Arbeit, süße Arbeit!
Verarschen ist bei mir nicht drin!

Es kam genau wie zu erwarten, zumal ihr Mann erfolgreich war:
Sie tobte frei durch Haus und Garten - mal mit, mal ohne Kinderschar.
Da rief sie: Arbeit, süße Arbeit!
Hier schufte ich für mich allein!
Arbeit, süße Arbeit!
Da kriegt so schnell mich keiner klein!

Nach kurzer Zeit, da bohrten Blicke und bald auch Zweifel unsre Maid!
Das kam zuerst aus ihrer Clique: Der tat sie tief und innig leid!
Die riefen: Arbeit, süße Arbeit!
So was lässt Du sausen? Spinnst denn Du?
Arbeit, süße Arbeit!
Du bist vielleicht ne dumme Kuh!

Und hintenrum die lieben Nachbarn, die hatten stets nen Tipp bereit -
ob ihre Hecken nun zu flach warn oder zu hoch oder zu breit.
Da rief sie: Arbeit, süße Arbeit!
Blamier dich nicht und zeige keine Furcht!
Arbeit, süße Arbeit!
Da hilft Dir nix, da musste durch!

Zu schlechter Letzt, da meckert Mutter - die Schwiegermutter war schon tot.
Das war zuviel, das war die Butter direkt beim Fisch: Da sah sie rot!
Da rief sie: Arbeit, süße Arbeit!
Lasst mich bitte wieder ins Büro!
Arbeit, süße Arbeit!
Ganz egal, mit wem und wo!

 

Keine Zeit

Keine Zeit - nur funktionieren!
Keine Zeit - einfach nur so für sich!
Immer nur flitzen ohne zu schwitzen - extra dry!
Alles muss sitzen, alles muss blitzen!
Nur nix beschmutzen, waschen und putzen- flusenfrei!
Widrigem trutzen! Da sein und nutzen!
Keine Zeit - nur funktionieren!
Keine Zeit - keine Zeit 

Keine Zeit - nur funktionieren!
Keine Zeit - einfach nur so für sich!
Unentwegt hasten, creativ rasten Tag und Nacht!
Fit sein und fasten, Knoten ertasten,
Falten verschneiden, Jugend erleiden - wohlbedacht!
Posten bekleiden, Altern vermeiden!
Keine Zeit - nur funktionieren!
Keine Zeit - nur funktionieren!

 

DIOGENES 94

Schnell von der Hand in den Mund
und möglichst noch schneller zu den Ohren hinaus!
Frisch und ersichtlich gesund,
doch bestimmt nicht gesünder als der Markt es erlaubt:
Ein Typ wie Du, geht dem der Ofen niemals aus?

Mir wär das einfach zu schön!
Mir würde all die Sülze auf die Zwiebel gehn.
Immer frisch geleckt und geschmiert,
immer feingemacht und aufpoliert,
immer wasserdicht und unbeirrt!

Mir ist das viel zu bequem!
Mir kann kein Operator in die Hardware sehn.
Mir zeigt das Leben sich pur ohne Wettbewerb oder Ochsentour, 
mehr mit Zipperlein oder Sonnenuhr!

Frei, immer mündig mobil!
Ohne Vor- oder Rücksicht stets am Anfang des Staus!
Breit mit gewieftem Kalkül,
obendrein auch noch kühler als der Nervenarzt glaubt:
Wie hält ein Typ wie Du ein solches Leben aus?
Dankesehr, man lebt so in der Tonne- nur:
Geh mir doch ein wenig aus der Sonne!
Bitte, bitte!?

 

Tränen

Schicksal, o wie bist Du so grausam,
hast mich hier zur Minna gemacht!
Gerne hätt ich vieles verändert in mir:
Nun verkauf ich meine Schwarte
auch noch ohne Steuerkarte!
Wieder nur das Mädchen für alle!
Wieder bleibt nichts übrig für mich!
Wieder füllt die Küche den Morgen
und ich komme arg ins Grübeln
vor den Kübeln voller Zwiebeln:

Tränen, heiße Tränen, die ich weine wegen Dir!
Wegen so ner Träne sitz ich dumme Trine hier!
Du bist ja nie zuhause und die Kinder lange über zehn.
Du hast Deine Hobbys und du willst mich nicht verstehn -
Dir hats an nichts gefehlt, doch hörte ich niemals ein Lob:

Jugend, Zeit zum Träumen und Hoffen!
Damals stand mir alles noch offen!
Leider war vorbei sie im Nu,
denn schon bald, da kamst Du,
und dann stand mir alles zu:
Kinder, trautes Heim, rege Schwiegereltern,
Pusteln, wenn die Sonne mich küsst,
Feste, die zu quälenden Riten wurden,
für den Körper edle Hüllen,
für die Seele bunte Pillen! 
Tränen...

 

Kommentar zur Arbeitslosigkeit und Gesundheitsreform (Mai 99)

Allen denen, die immer noch nicht begriffen haben, dass ein stinknormaler Vollerwerbslandwirt, ein Werftarbeiter, ein Stahlkocher oder ein Kumpel den Staat weitaus mehr kosten als ein Sozialhilfeempfänger, sei ins Poesiealbum geschrieben: 
In absehbarer Zeit wird es hier Erwerbsarbeit für Erwachsene nur noch auf Krankenschein geben!
Wer Glück hat, bekommt als Kurmaßnahme danach für kurze Zeit einen der raren ehrenamtlichen Posten zugewiesen. Langzeitarbeitsplätze gibt es zwar auch noch, aber nur bei erwiesener chronischen Entzugserscheinungen bis hin zur körperlichen Behinderung! 
Das wird dann GNADENARBEIT genannt! 
Zur Bereitstellung einer ausreichenden Anzahl von Arbeitsplätzen ist es aber unbedingt erforderlich, jeden einzelnen Mitbürger so lange wie möglich im Pflegezustand zu erhalten. 
Deshalb ist für jeden Arbeitszeitraum Altersvorsorge in Form einer Einwilligung zu treffen, die sich im Notfall auf rigorose Reanimation und den Anschluss an eine lebenserhaltende Maßnahme für einen gleichlangen Zeitraum bezieht. 
Als Alternative wird eine halbjährliche Anpassung jeglicher Ansicht an die gängige Norm oder im Falle einer mindestens 95%igen Übereinstimmung von Laborwerten die verbriefte Bereitschaft zur spontanen Lebend-Organspende angedacht. (Das wird u.a. in China schon heute praktiziert.) 
Ebenso ist ab dem 9. Monat Abgabepflicht für Neugeborene an staatliche Einrichtungen bis zum Erreichen der Volljährigkeit! 
Eine Arbeitsgarantie wird es nur noch für das Geld (in der dritten bis fünften Welt) geben - und für die Minderjährigen, die als Gladiatoren in der Arena der Gewalt, der Perversitäten und des Körperwahns für die Besitzstandssicherung und die Unterhaltung sorgen müssen. 
Eine private Altersvorsorge ist möglich, wenn absolut auf Erwerbstätigkeit verzichtet wird. 
Dadurch entfallen auch die Quartals - Pflichtuntersuchungen und die passive Zwangsanimation. 
Dieser Verzicht ist dann aber nicht mehr rückgängig zu machen. 
Aber keine Angst: 
Für eine gewisse Übergangszeit werden sich einige Ältere straffrei mit Familien-Schwarzarbeit über Wasser halten dürfen! Und außerdem kann man ja in Übersee im (allerdings nur noch 14-tätigen ) Urlaub dem Geld bei der Arbeit helfen.

aus: Subkultur aus Otterndorf 

 


www.otium-bremen.de