Oliver Kloss

 

 

 

Bedrohlich erheben sich klagende Stimmen und künden apokalyptisch: Der Gesellschaft geht die Arbeit aus! – Aber es kommt keine helle Freude auf. Was ist geschehen? Die Menschen spielten nicht Lotterie, wenn allein in der Erwerbsarbeit sie Erfüllung fänden. Wo sind sie, die das Dolcefarniente und das Dolce vita zu schätzen verstehen? – Jahrtausende galt die Arbeit als von der Not erzwungene Mühsal. Der Bibel galt die Arbeit als Fluch Gottes, der quälend auf den aus dem Paradiese Vertriebenen laste. Im griechischen Mythos sandte Zeus, um die Menschen für den von Prometheus begangenen Raub des Feuers zu strafen, die reizvolle Pandora. Aus ihrer Büchse kamen alle Übel außer der Hoffnung über die Menschen, darunter die Krankheiten und die beschwerliche Arbeit. Gewiss kannte das Altertum auch Tätigkeiten, die sich nicht der Not und dem Zwang schuldeten, doch galten diese weder als Sklaven- noch als Lohnarbeit. Der Muße und Feier gewogen, wurde solches Tun in der Antike klar von der Arbeit getrennt.
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Erst in der Reformation wurde die Not der Arbeit allgemein zur Tugend gewendet, die Arbeit mit einer religiösen Gloriole umwölbt. Kaum waren die Gläubigen dem katholischen Kontrollsystem der Gewissensbeichte entronnen, sollte die Arbeit den Kontrollverlust kompensieren. Der Adel enthielt sich der Tugenden der Bürger und Bauern. Die Edlen wussten ihr Otium weiterhin zu schätzen.
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1918 wurde in der Sowjetunion der Subbotnik, die Samstagsarbeit, eingeführt und die Verbannten wurden zu Zwangsarbeit verpflichtet. Die Mehrheit der Bevölkerung musste an großen Bauprojekten mitwirken, deren sich das Land zu jener Zeit rühmte wie im Altertum die tributären Despotien ihrer Pyramiden oder chinesischen Mauer. Noch war die Mumifizierung der ”Führer der Arbeiterklasse” nicht abzusehen. Das Dogma der Arbeit wurde gewaltsam gefestigt. Die ”Erziehung durch Arbeit” und die Vernichtung von Menschen durch Arbeit im Gulag wurden Mittel despotischer Politik. Der Satz ”Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen” geriet als Bibel-Zitat in die Verfassung. Vorbildliche Konforme wurden als ”Helden der Arbeit” geehrt.
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”Arbeit macht frei”, hieß die Losung des Reichsführers SS Heinrich Himmler, die noch heute am schmiedeeisernen Tor des KZ Sachsenhausen zu lesen ist. Der in der Weimarer Republik 1931 eingeführte ”Freiwillige” Arbeitsdienst für Jugendliche, die keine Unterstützung bezogen, zum Niedrigstlohn für Kost und Logis, war 1932 bei gleichzeitiger Reduzierung der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ausgeweitet worden.
Bereits am 1. Februar 1933 verkündete Hitler im Rundfunk, innerhalb von vier Jahren werde die ”Rettung des deutschen Bauern” und des ”deutschen Arbeiters” durch ”einen gewaltigen und umfassenden Angriff gegen die Arbeitslosigkeit” vollbracht sein. Für die umfangreichen Arbeitsbeschaffungsprojekte galt ausdrücklich, soweit möglich, ein Verzicht auf Maschinen zugunsten des Einsatzes menschlicher Arbeitskraft, begleitet von der Propaganda gegen den ”Rationalisierungswahnsinn”. Oft wurden Hungerlöhne auf dem Niveau der Arbeitslosenunterstützung gezahlt. Am 26. Juni 1935 wurde der freiwillige in einen zwangsweisen Reichsarbeitsdienst umgewandelt. Die eingeführte Wehrpflicht, 1935 einjährig, 1936 zweijährig, integrierte Männer; ein ”Ehestandsdarlehen” erhielten Frauen, die sich verpflichteten, nach der Heirat keine Arbeit mehr aufzunehmen. Arbeitslosigkeit schlug in Arbeitskräftemangel um. Den ”Arbeitsschlachten” sollten bald die militärischen folgen. 
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Das ”Recht auf Arbeit” galt in der DDR als ”ehrenvolle Pflicht”, die ”immer mehr zu einem inneren Bedürfnis” werde. Der § 34 des Strafgesetzbuches ermöglichte die Arbeitsplatzbindung zur Bewährung im Kollektiv. Der § 249 ahndete ”asoziales Verhalten”. Wer sich ”einer geregelten Arbeit entzieht, obwohl er arbeitsfähig ist”, konnte mit bis zu zwei Jahren Freiheitsstrafe in der Verurteilung rechnen. Erinnert sei auch an jene Studenten, die politisch nonkonform aufgefallen waren und sich zur Strafe befristet ”in der Produktion bewähren” durften, wollten sie sich der Gnade der Bildung wieder würdig erweisen. Tiefer als in die ”herrschende Klasse” konnte im Sozialismus keiner fallen. 
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Unisono tönt heute aus der überwiegenden Mehrheit der Medien, das sinkende Quantum der Arbeit sei eine Katastrophe für die Gesellschaft. ”Sachzwänge” wurden organisiert, die sich wie ein vermeintliches Fatum gegen den Sozialstaat kehrten, der nicht mehr zu retten sei. Bisweilen wird das ”Gespenst der Globalisierung” beschworen, will eine Regierung ihren politischen Willen zur Umverteilung zugunsten von Unternehmen mit Alternativlosigkeit vor einer vermeintlich höheren Macht ideologisch vor den Bürgern rechtfertigen. Was Lafargue die ”Religion des Kapitalismus” hieß, erheischt wieder Glauben und inszeniert das Schicksalsdrama vom Staate in Nöten. 
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Dem neoliberalen Denken ist eine antiindividualistische religiöse Struktur eigen. Unter Aufgabe des Vollbeschäftigungszieles werden abhängig Beschäftigte zu ”Arbeitsplatzbesitzern” geadelt, um sie gegen Arbeitslose auszuspielen und das Durchschnittsniveau der Reallöhne zu senken. Das Ressentiment der Arbeitenden gegen die Arbeitslosen und umgekehrt wird geschürt, um beide zu schwächen. Wer den Glauben hegt, der Besitz eines Arbeitsplatzes sei eine ihm zuteil werdende Gnade, dem soll es an Dank, verächtlich auf Arbeitslose oder Sozialhilfeempfänger hinabblicken zu dürfen, nicht fehlen. Ihn beschleicht nur die Furcht, der Investor könne dem ”Standort” seinen monetären Segen entziehen, sich einladenderen Gefilden mit lohn-anspruchsloseren Arbeitswilligen zuwenden. Der Faktor Arbeit wird im Produktionsprozess in Kapital, in ”Humankapital”, uminterpretiert. Fast ist der bloße Arbeitsplatz schon eine Form des Lohnes. 
Bisweilen ließen sich Betriebsräte gegen Tarifvereinbarungen in die Konkurrenzlogik des Kapitals einbinden, um ihrer Kollegen ”Arbeitsplätze zu sichern”. Wenn der IG-Metall-Vorsitzende jedoch das defensive ”Bündnis für Arbeit” ausruft, so kündigt er die Funktion einer Gewerkschaft schlicht auf- Er degradiert sie zu etwas wie einem National–Betriebsrat, der sich um die ”nationale Arbeit” und gegen den ”Arbeitsplatzexport” aus der ”Deutschland AG” müht. Der politische Wortschatz wurde um zahlreiche skurrile Ideologeme bereichert. 
Die Fixierung auf ”Arbeit um jeden Preis” entkoppelt die Löhne weiter der Produktivität. ”Bündnis für Arbeit” - Wer will sich da mit wem und gegen wen verbünden? Ließe sich auch ein Streik zum ”finanziellen Sachzwang” stilisieren? – Neoliberale Glaubensangebote erweisen sich nützlich zur Substitution, nicht nur von Handlungsrationalität sondern auch von Lohn! 
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Es ist Unternehmern nicht moralisch zu verübeln, dass sie den Preis der Arbeit zu senken erstreben. Kein Unternehmer ”schafft Arbeitsplätze”, sondern er kauft Arbeit, sofern ihn eine Profiterwartung lockt oder ihn ein dahingehender Irrtum narrt. Der Wettbewerb unter ökonomischen Konkurrenten erfordert Kostenersparnis. Der Preis für Arbeit ist aus Perspektive der Unternehmer daher verständlicherweise stets zu teuer. Von Unternehmen kann daher nicht erwartet werden, dass sie sich für die Aufrechterhaltung der Funktionsbedingungen des Kapitalismus engagieren, selbst wenn sie um die Tatsache wissen, dass ohne Lohnsteigerungen kapitalistisches Wachstum nicht möglich ist. 
Der ökonomische Sinn der Flächentarifverträge besteht gerade darin, dass im jeweiligen Sektor unrentable Unternehmen im Spiel der Konkurrenz auch verlieren dürfen. Wer sich die Arbeit der anderen nicht mehr leisten kann, muss schlechtestenfalls versuchen, die seine zu verkaufen. Technologische Innovation kann anders nicht stimuliert werden – d. h. anders kann das Quantum an Arbeit in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht weiter verringert und der allgemeine Wohlstand nicht gehoben werden. Gerade in dieser Möglichkeit, das Otium der Edlen für alle zu erkämpfen, liegt der unschätzbare Vorteil marktförmiger Wirtschaft.
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aus: Macht Arbeit frei? Ein Versuch über den Wert der Erwerbsarbeit (2001)

 


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