Søren Aabye Kierkegaard

1813 - 1855

 

 

An sich ist Müßiggang durchaus nicht eine Wurzel allen Übels, sondern ist, im Gegenteil, ein geradezu göttliches Leben, solange man sich nicht langweilt.

 

Müßiggang ist nichts Übles, ja man muss sagen: Ein Mensch, der für diesen keinen Sinn hat, zeigt damit, dass er sich nicht zur Humanität erhoben hat.

 

Es gibt eine unermüdliche Geschäftigkeit, die den Menschen aus der Welt des Geistes ausschließt und auf eine Stufe mit den Tieren stellt, die instinktiv immer in Bewegung sein müssen.

 

Man unterziehe sich niemals einer Berufsarbeit. Tut man das, so wird man schlecht und recht ein Allerweltsmensch, ein kleines Rädchen in der Maschine des Staatsorganismus.

 

Müßiggang, pflegt man zu sagen, ist aller Laster Anfang. Um dem Laster zu wehren, empfiehlt man die Arbeit. Es ist indessen [...] leicht ersichtlich, dass die ganze Betrachtung von sehr plebejischer Extraktion ist. Müßiggang als solcher ist keineswegs des Lasters Anfang, im Gegenteil, er ist ein wahrhaft göttliches Leben, wenn man sich nicht langweilt. Freilich, Müßiggang kann den Anlass geben, dass man sein Vermögen verliert usw., doch die adlige Natur fürchtet dergleichen nicht, wohl aber die Langeweile. Die olympischen Götter langweilten sich nicht; sie lebten glücklich in glücklichem Müßiggang. Eine weibliche Schönheit, die weder näht noch spinnt noch bügelt noch liest noch musiziert, ist glücklich im Müßiggang; denn sie langweilt sich nicht, Müßiggang ist also so wenig aller Laster Anfang, dass er vielmehr das wahre Gute ist.

Es gibt eine unermüdliche Tätigkeit, die einen Menschen aus der Welt des Geistes ausschließt und ihn in eine Klasse mit den Tieren setzt, die instinktiv immer in Bewegung sein müssen. Es gibt Menschen, die eine außerordentliche Gabe besitzen, alles in ein Geschäft zu verwandeln, deren ganzes Leben ein Geschäft ist, die sich verlieben und heiraten, einen Witz anhören und ein Kunststück bewundern mit dem gleichen Geschäftseifer, mit dem sie im Kontor arbeiten. Das lateinische Sprichwort otium est pulvinar diaboli (Muße ist der Polstersitz des Teufels) ist durchaus zutreffend; aber der Teufel hat gar keine Zeit, seinen Kopf auf dieses Kissen zu legen, wenn man sich nicht langweilt.

aus: Entweder-Oder

 


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