David Hume

1711 - 1776

 

 

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Um die meisten Übel des menschlichen Lebens zu heilen, fordere ich nicht, dass der Mensch die Flügel des Adlers, die Schnelligkeit des Hirsches, die Stärke des Stiers, die Waffen des Löwen, die Haut des Krokodils oder Rhinozeros' habe, viel weniger verlange ich den Scharfsinn eines Engels oder Cherubims. Ich bin zufrieden einen Zuwachs an einer einzigen Kraft oder Fähigkeit seines Geistes zu erhalten. Er sei begabt mit einer größeren Neigung zu Fleiß und Arbeit, einer stärkeren Schnellkraft und Regsamkeit des Geistes, einem anhaltenderen Hang zu Geschäftigkeit und Tätigkeit. Die ganze Art besitze von Natur gleichen Fleiß, wie viele einzelne ihn durch Gewöhnung und Überlegung zu erreichen imstande sind: und die wohltätigsten Folgen sind der unmittelbare und notwendige Erfolg dieser Begabung, ohne irgendeine Beimischung von Übel. Beinahe alle moralischen und natürlichen Übel des menschlichen Lebens entspringen aus der Trägheit, wäre unsere Art durch die ursprüngliche Anlage ihrer Natur von diesem Fehler oder dieser Schwäche frei, so wäre der vollkommene Anbau des Bodens, die Verbesserung der Kunst und Industrie, die strenge Erfüllung jeder Obliegenheit und Pflicht die unmittelbare Folge, die Menschen würden mit einemmal den Zustand der Gesellschaft völlig erreichen, der durch die wohlgeordnetste Regierung so unvollkommen hergestellt wird. Aber da Fleiß eine Kraft ist, und zwar die allerwertvollste, so scheint die Natur in Gemäßheit ihrer allgemeinen Verfahrungsweise entschlossen, gewesen zu sein, sie mit sehr karger Hand dem Menschen zuzumessen, und lieber ihn für jeden Nachlass darin hart zu strafen, als für Auszeichnung zu belohnen. Sie hat seine Natur so angelegt, dass nur die äußerste Not ihn zu arbeiten zwingt, und sie braucht alle seine übrigen Mängel um den Mangel an Liebe zur Tätigkeit wenigstens zum Teil aufzuwiegen und ihn mit einem Teil einer Fähigkeit auszustatten, deren sie von der Natur ihn zu berauben für gut befunden hat. Man wird zugestehen müssen, dass unsere Forderungen sehr niedrig und also um so billiger sind. Verlangten wir Ausstattung mit höherem Scharfsinn und Urteil, mit feinerem Geschmack für Schönheit, mit zarterer Empfindung für Wohlwollen und Freundschaft, so möchte man sagen, wir beanspruchten unfromm die Ordnung der Natur zu durchbrechen, wir begehrten uns auf eine höhere Stufe in der Reihe der Wesen zu erheben, die Geschenke, die wir verlangten, seien unserer Lage und Stellung nicht angemessen und würden uns bloß zum Verderben gereichen. Aber es ist hart, ich wage es zu wiederholen, es ist hart, dass wir in eine Welt so voll von Mangel und Not gestellt, wo fast jedes Wesen und Element entweder unser Feind ist oder doch seinen Beistand weigert, auch noch mit unserem eigenen Temperament Krieg führen müssen und der Fähigkeit beraubt sind, die allein uns gegen diese gehäuften Übel schützen kann.
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aus: Dialoge über die natürliche Religion

 


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