Johann Gottfried Herder

1744 - 1803

 

 

Arbeit ist des Blutes Balsam, Arbeit ist der Tugend Quell.

aus: Der Cid (1804)

 

Das Gegengift

Preis sei dem Geber! jede seiner Gaben
Ist huld- und weisheitvoll. Er teilte sie,
Er wog sie ab zur langen Dauer und

Vollkommenheit der Schöpfung. Seine Erde
Gab er nicht Engeln; Menschen gab er sie.
Der Menschen Bester ist, wer selten strauchelt,
Ihr Edelster, wer bald vom Fall aufsteht.

Tief keimete das Laster in der neu
Geschaffnen Erde; wild schoss es empor,
Gift seine Blüte, seine Früchte Tod.

Da schuf er ihm ein mächtig Gegengift,
Für Torheit ein Verwahrungsmittel, Arbeit.
Sie macht er uns zum heiligsten Gesetz,
Den Fleiß zur Pflicht. Arbeitsamkeit verriegelt
Die Tür dem Laster, das dem Müßigen
Zur Seite schleicht und hinter ihm das Unglück.

Willst du dem Feinde fluchen, wünsch ihm Muße;
Auf Muße folgt viel Böses und des Kummers
Gar viel. Arbeitsam wirkt die Seele froh;
Langweil'ger Müßiggang beschäftigt sie
Zur Reue, zum Verderben. Torheit leitet
Den Müßigen; Mutwill und Vorwitz führen
Ins Dunkel ihn, wo Gott nicht ist. Arbeitet,
Ihr Weisen in dem Volk, befördert euer
Und vieler Glück. Wo wohnt Beruhigung?
Wo Segen der liebreichen Gottheit? Wo
Genuss der Tage? Wo das edelste
Vergnügen? Nur in Arbeit! - - -

 

Der angenehme Müßiggang, das dolce far niente, bei dem man sich öffentlich auch an Possen als an Kunststücken vergnügt und die Zeit hintändelt, ist unter unserm härtern Himmel nicht zu Hause. Wer aus einem mühseligen Leben ins Schauspiel tritt, will sich nicht bloß an der Form als an einem Kunststück freuen, sondern durch etwas Innigeres geweckt sein. Viele Kunstprodukte fremder Nationen sind Kinder der Üppigkeit und eines Verderbens der Sitten, von dem glücklicherweise manche Provinz unsrer arbeitseligen Nation noch nicht weiß; sollen wir ihr diese Produkte mit den Ursachen wünschen, die sie erzeugten, und den Geschmack an ihnen verbreiten?

aus: Briefe zur Beförderung der Humanität

 


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