Antonio Gramsci

1891 - 1937

 

 

Die Geschichte des Industrialismus war stets ein Kampf gegen das 'tierhafte' Element im Menschen (...), ein ununterbrochener, oft schmerzlicher und blutiger Prozess der Unterwerfung (natürlicher, tierhafter und primitiver) Instinkte unter neue, immer ausgedehntere und starrere Normen und Gewohnheiten der Ordnung, Genauigkeit und Präzision (...) Bisher sind die erzielten Erfolge, obwohl vom unmittelbar praktischen Standpunkt äußerst wertvoll, größtenteils rein mechanisch, sie sind nicht zu einer 'zweiten Natur' geworden.
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Wenn der Anpassungsprozeß erfolgt ist, zeigt sich in Wirklichkeit, dass das Gehirn des Arbeiters, anstatt zu veröden, einen Zustand völliger Freiheit erreicht hat. Nur die physische Geste ist völlig mechanisiert: das berufliche Gedächtnis, auf einfache, mit intensivem Rhythmus wiederholte Gesten reduziert, hat sich in den Muskel- und Nervensträngen eingenistet und so das Gehirn frei für andere Beschäftigung gemacht. So wie man geht, ohne an alle notwendigen Bewegungen zu denken, damit alle Körperteile in eben jener Weise, die zum Gehen erforderlich ist, synchron bewegt werden, so ist es in der Industrie mit den Grundgesten des Berufs und wird es auch in Zukunft sein. Man geht automatisch und zugleich denkt man, was man möchte.

aus: Philosophie der Praxis (1926-1937)

 


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