Johann Wolfgang von Goethe

1749 - 1832

 

 

Es ist ein einförmiges Ding um das Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bisschen, was ihnen von der Freiheit übrig bleibt, ängstigt sie so, dass sie alle Mittel aufsuchen, um es loszuwerden.

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Ein Mensch, der um anderer willen, ohne dass es seine eigene Leidenschaft, sein eigenes Bedürfnis ist, sich um Geld oder Ehre oder sonst etwas abarbeitet, ist immer ein Tor.

aus: Die Leiden des jungen Werther

 

Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und wonach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle möglichen Fazilitäten der Kommunikation sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren.

aus: Brief an Zelter 1825

 

Nur nichts als Profession getrieben! Das ist mir zuwider. Ich will alles, was ich kann, spielend treiben, was mir eben kommt und so lange die Lust daran währt. So hab' ich in meiner Jugend gespielt unbewusst; so will ich's bewusst fortsetzen durch mein übriges Leben. Nützlich - Nutzen, das ist eure Sache. Ihr mögt mich benutzen; aber ich kann mich nicht auf den Kauf oder Nachfrage einrichten. Was ich kann und verstehe, das werdet ihr benutzen, sobald ihr wollt und das Bedürfnis danach habt. Zu einem Instrument gebe ich mich nicht her; und jede Profession ist ein Instrument oder, wollt ihr es vornehmer ausgedrückt, ein Organ.

 

Langeweile! Du bist, Mutter der Musen, gegrüßt.

aus: Venezianische Epigramme

 

Unbedingte Tätigkeit, von welcher Art sie sei, macht zuletzt bankerott.

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Wo genug zu schaffen ist, bleibt kein Raum für Betrachtung.

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Allzu tätige Personen werden aber doch in einem gleichmäßig geregelten Zustande lästig.

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Nichts ist höher zu schätzen als der Wert des Tages.

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Weil die meisten Menschen selbst formlos sind, weil sie sich und ihrem Wesen selbst keine Gestalt geben können, so arbeiten sie, den Gegenständen ihre Gestalt zu nehmen, damit ja alles loser und lockerer Stoff werde.

aus: Wilhelm Meisters Wanderjahre

 

... denn der zur Tätigkeit geborne Mensch übernimmt sich an Planen und überladet sich mit Arbeiten.

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Denn der ehrwürdige deutsche Fleiß, der mehr auf Sammlung und Entwickelung von Einzelnheiten als auf Resultate losging, fand hier [am Wetzlarer Gericht] einen unversiegenden Anlass zu immer neuer Beschäftigung...

aus: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit

 

Bedenke wohl die erste Zeile
Dass deine Feder sich nicht übereile!

aus: Faust  I

 

Das Erdetreiben, wie's auch sei,
Ist immer doch nur Plackerei.

aus: Faust  II

 

Tages Arbeit! Abends Gäste!
Saure Wochen! Frohe Feste!
Sei dein künftig Zauberwort.

aus: Der Schatzgräber

 

Wer aber recht bequem ist und faul,
flög dem eine gebratne Taube ins Maul,
er würde höchlich sichs verbitten,
wär sie nicht auch geschickt zerschnitten.
                    ~
Schlaf ich, so schlaf ich mir bequem.
Arbeit ich, ja, ich weiß nicht wem.
                    ~
Alles in der Welt lässt sich ertragen,
Nur nicht eine Reihe von schönen Tagen.

aus: Sprichwörtlich

 

Lebensgenuss

»Wie man nur so leben mag?
Du machst dir gar keinen guten Tag!«
Ein guter Abend kommt heran,
Wenn ich den ganzen Tag getan.

Wenn man mich da- und dorthin zerrt
Und wo ich nichts vermag,
Bin von mir selbst nur abgesperrt,
Da hab ich keinen Tag.

Tut sich nun auf, was man bedarf
Und was ich wohl vermag,
Da greif ich ein, es geht so scharf,
Da hab ich meinen Tag.

Ich scheine mir an keinem Ort,
Auch Zeit ist keine Zeit,
Ein geistreich-aufgeschlossnes Wort
Wirkt auf die Ewigkeit.

 

Was man nicht liebt, kann man nicht machen. Da ging mir ein Licht auf, und ich sah recht gut ein, dass ich die Arbeit bisher als ein Geschäft behandelt hatte ...

aus: Brief an Zelter, 30. Juli 1804

 

Was verkürzt mir die Zeit? Tätigkeit. 
Was macht sie unerträglich lang? Müßiggang. 
Was bringt in Schulden? Harren und dulden. 
Was macht gewinnen? Nicht lange besinnen. 
Was bringt zu Ehren? Sich wehren.

aus: Buch der Betrachtungen

 

Lebensregel

Willst du dir ein hübsch Leben zimmern, 
Musst dich ums Vergangne nicht bekümmern, 
Das Wenigste muss dich verdrießen; 
Musst stets die Gegenwart genießen, 
Besonders keinen Menschen hassen 
Und die Zukunft Gott überlassen.

 


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