Axel Braig

*1951

 

 

Wovon lebt der Mensch?
Ein Plädoyer für den Müßiggang

»Von nichts kommt nichts« Es ist das tausendfache Credo unserer Zeit: »Arbeit ist die Grundlage aller menschlichen Zivilisation«. Recht habe, wer sich nützlich macht, die Wirtschaft voranbringt, den Lebensstandard hebt.

Nun fragen wir einmal ganz naiv zurück: Wo wären wir, wenn all die Denker, Mönche, Dichter, Grübler, Priester, Narren, Künstler, die über die Jahrzehnte und Jahrhunderte ihren »müßigen« Spinnereien gelebt haben, einer »sinnvollen Arbeit« nachgegangen wären? Was wäre aus unserer Kultur geworden ohne die Taugenichtse? Gut, wir hätten heute noch mehr, noch komfortablere und billigere Autos oder Waschmaschinen, mehr Fernsehsender, vielleicht ewige Jugend dank Gentherapie, vielleicht wären wir mit einer Kolonie auf dem Mars vertreten. Aber ist das Kultur? Ist das das Ziel unseres Menschseins? Können wir davon leben, die wir eben nicht vom Brot allein satt werden?

Nicht vom Müßiggang ist unsere Kultur bedroht, sondern von einem Zuviel an Fleiß. Nicht an Tatmenschen fehlt es uns, sondern an Menschen, die müßig gehen können, und aus dieser Ruhe das erschaffen, wovon wir alle auch die Tatmenschen leben, vielleicht ohne es zu wissen. Ohne die Taugenichtse aller Art wären wir geliefert. Wir würden zugrunde gehen an einem Mangel an Träumen und Bildern.

Warum eigentlich soll ein in Hast und Stress verbrachtes Leben besser sein als ein »müßiges«? Ist nicht gerade die Rastlosigkeit eine Form der Trägheit? Was hat Auslastung mit Erfüllung zu tun? »Ich habe alle Ferien für Praktika genutzt und stets darauf geachtet, dass keine Lücke in meiner Biografie entsteht. Deshalb vermeide ich auch größere Urlaube« (eine 26-jährige Nachwuchs-Controllerin bei DaimlerChrysler, vorgestellt von der Zeitschrift »Freundin« unter der Überschrift »Gratulation! Wie sind Sie eigentlich an diesen Traumjob gekommen?«). Müsste sich nicht gerade so jemand rechtfertigen, für unfreundlichen Umgang mit sich selber? Nietzsche, der »letzte Grieche«, hat heute noch Recht: »Alle Menschen zerfallen, wie zu allen Zeiten so auch jetzt noch, in Sklaven und Freie; denn wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich hat, ist ein Sklave, er sei übrigens was er wolle: Staatsmann, Kaufmann, Beamter, Gelehrter.«

Drehen wir die Beweislast um. Nicht die Muße muss sich rechtfertigen, sondern der permanente Gestus des Überholens, die Ellbogenmentalität, das Immer-mehr-haben-und-tun-müssen, der unbedingte Trieb, jede Minute nutzbar zu machen. Unser von Dienstfertigkeit triefendes Gewissen. Die zum Selbstzweck gewordene Überaktivität, die sogar noch unsere Lebensgrundlagen zu »verarbeiten« droht.

aus: Axel Braig & Ulrich Renz: "Die Kunst, weniger zu arbeiten". Von den Autoren leicht modifizierter Auszug aus dem Kapitel »Privatiers, Dilettanten, Müßiggänger«

 


www.otium-bremen.de